Pico do Arieiro – Madeira

Grenzenlose Freiheit.

Es lässt sich nicht vermeiden.

Es lässt sich nicht vermeiden, dass ich an Reinhard Mey denke.

An seinen Liedtext, in dem die Freiheit grenzenlos erscheint.

Nicht im Flugzeug, nein auf festem Boden stehend.

1810 Meter über dem Meeresspiegel.

Alle Ängste, alle Sorgen sagt man, blieben darunter verborgen und alles was uns groß und wichtig erscheint, wäre nichtig und klein.

Ein bisschen Bammel hab ich schon, Sorgen ?

Na ja, werden wir das schaffen?

Mindestens 4 Stunden Gehzeit und dann auf irgendeine Weise wieder zurück.

Den gleichen Weg sicherlich nicht.

Vielleicht wartet irgendwo am Endpunkt ein Taxi, zufällig frei ?

Wir schaffen unsere Ausrüstung aus dem Fahrzeug, gutes Schuhwerk, Regenjacke, Rucksack, Getränkeflaschen, Fotoapparat..

Die Anreise hatten wir total unterschätzt, als wir die Landkarte studierten.

50 Kilometer  schafft man in Madeira vielleicht in 2 Stunden.

Vielleicht.

Jetzt stand die Sonne bereits im Zenit und wir hatten mindestens 4 Stunden Gehzeit vor uns.

Übernachten war nicht drin, das mit dem Taxi war eine Furzidee und gegen 18 Uhr wird es im November dunkel.

Wir sind Realisten und machen uns nichts vor.

Das werden wir nicht schaffen.

Hier vom zweithöchsten Berg Madeiras, dem Pico do Arieiro  mit 1810 Metern rüber zum Höchsten, dem Pico Ruivo mit ein paar Höhenmeter mehr.

Wir planen nach der Uhr, nicht nach der Karte.

2 Stunden hin, und dann egal wo wir sind, wieder die zwei Stunden zurück und ja keinen lädierten Knöchel einhandeln.

Das wird knapp, aber müsste gehen.

Wenn wir jetzt gleich losgehen, den gepflasterten Weg hinunter.

Wir trösten uns mit der Erkenntnis, dass wir vom Pico Ruivo aus auch keine bessere Sicht haben würden.

Die vom Passat angetriebenen Wolken hatten den gesamten Nordteil Madeiras verhüllt.

Was hätten wir also zu sehen bekommen?

Nichts als Wolken.

Und vielleicht ein paar farbenträchtige Mülltonnen.

So ist also der Weg das Ziel.

Die Orientierung ist einfach, immer dem Trampelpfad nach, der an den gefährlichen Stellen mittels Stahlseil abgesichert ist.

Unsere Augen spähen nach anderen Wanderern, die uns entgegenkommen könnten, die man fragen könnte, ob die Kraxelei noch schwieriger wird, aber leider sind wir die einzigen, die sich tapfer Richtung Picu Ruivo bewegen.

Das macht ein bisschen Angst, aber das muss ich ja nicht gleich meiner Liebsten verraten.

Wenn jetzt die weiße Wolkenwand ein bisschen höher zieht, ich sehe mich schon im WhiteOut herumstochern.

Ich glaube, wir hätten uns einen Bergführer nehmen sollen.

So liegt die Verantwortung, dass wir wieder heil heimkommen, schwer auf meinen Schultern, die schon vom gewichtigen Rucksack strapaziert werden.

Das mit der Freiheit ist also relativ.

Ich erinnere mich, dass ich in der Zeitung vom Projekt eines 71 jährigen Franzosen(1)las, der, genauso alt(jung) wie ich, in einer Tonne über den Atlantik treiben will.

Von den Kanarischen Inseln aus rüber nach Amerika.

Nur Strömung und Wind sollen ihn ans Ziel bringen.

Mit drei Monaten Fahrzeit rechnet er.

Und wir machen schon wegen eventuell einer ungemütlichen Zwangsübernachtung im Freien in die Hose.

Aber warum erinnere ich mich jetzt gerade an ihn?

Weil er auf die Frage, warum er sich das antue, antwortete, er wolle das Gefühl von Freiheit erleben.

Also drei Monate lang in einer drei Meter langen und 2,10 hohen Tonne allein auf dem grenzenlosen Ozean das Gefühl der Freiheit erleben.

Irgendwie passt das nicht zu meiner Vorstellung von grenzenloser Freiheit.

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(1) Der Franzose heißt Jean-Jacques Savin und startet so um den 20. Dezember 2018.

Über ihn wurde in den Badisch Neuesten Nachrichten berichtet.

 

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