Sit in – sit out

 

Das mit dem Kapieren, in den 60 ern, war so ’ne Sache.

Ich sah wohl, dass unsere Wohnung spartanisch eingerichtet war und dass wir dennoch glaubten, modern zu sein.

Mein Vater hatte immerhin – neben seiner Arbeit – uns einen modernen Nierentisch geschweißt und ihn mit Mosaiksteinchen beklebt.

Das war damals das Non-Plus-Ultra des modernen Wohnens.

Zuzüglich hatten wir auch noch eine Stehlampe mit tütenförmigen Lampenschirmen erworben.

Die Tapeten mit Kreismotiven in grün-orangem Design waren sicher nicht nur bei uns zu Hause zu finden.

Und in einer Ecke unseres Wohnzimmers stand eine riesige braune Holzkiste – unser Röhrenradio – an dem mich das „magische Auge“ jedesmal beim Einschalten faszinierte.

Zeichen eines bescheidenen Wohlstandes.

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Ja, wir waren „in“.

Wir Mayerles-Kinder waren ausschließlich auf das Wissen angewiesen, das man uns in der Schule vermittelte.

Und weil wir in der Schule gut aufpassen konnten, durften wir auf die damals noch vorhandene Mittelschule.

Ein gymnasialer Schulbesuch wurde von unseren Eltern nicht einmal ansatzweise angedacht.

Das war nichts für uns.

Dorthin ging der Sohn des Arztes und die Tochter des Gymnasialprofessors.

Meine Eltern hatten das Sprichwort „Schuster bleib bei deinen Leisten“ verinnerlicht.

Bis meine Mutter die Zeichen einer neuen Zeit  erkannte und den ersten Gedanken an ein Studium von einem Kaffeekränzchen mit nach Hause brachte.

Es dauerte wohl ein bisschen länger, aber so wurde ich Ingenieur und später – nach eigenem Entschluss – sogar noch Lehrer.

Aber das ist ein Vorgriff, ein Zeitensprung von mindestens 20 Jahren.

Bleiben wir in der Zeit, als die Königin Elisabeth von Großbritanien das Städtchen Schwäbisch Hall besuchte.

Und mir, ich saß auf der Freitreppe und schwenkte begeistert ein zuvor ausgeteiltes Deutschlandfähnchen, zuwinkte.

Und einige Zeit später saß ich schon wieder auf dieser berühmten 52 stufigen Kirchentreppe.

Und jubelte, fahneschwenkend, diesmal allerdings mit einer eigenen Deutschlandfahne, dem Rudi Dutschke zu.

Mir war die Sicht versperrt.

Sonst hätte ich sicher gesehen, nicht nur gehört, dass seine Worte sich auch an mich wandten.

Und wieder einige Zeit später saß ich in Karlsruhe, nein, Karlsruhe hat keine berühmte Freitreppe,  auf der Straße.

Genauer gesagt auf den Straßenbahnschienen in der Kaiserstraße und verhinderte so, dass Tausende von braven Staatsbürgern rechtzeitig zur Arbeit kamen.

Oder von der Arbeit nach Hause.

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Mein Zuhause war jetzt Karlsruhe.

Meist hielt ich mich im Studentenwohnheim auf, manchmal an der Uni und einmal, ich saß schon wieder auf dem Boden, auf dem Boden der Aula.

Man nannte das damals ein SIT-IN, um irgendeine beschissene Vorlesung zu verhindern.

Ich hatte etwas gegen den Mief von tausend Jahren unter den Talaren.

Und der Ho-Tschi-Min war mir auch sehr sympathisch, konnte man sich doch untergehakt fantastisch hüpfend auf eine Horde Polizisten zu bewegen.

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Meine Mutter wollte es nicht glauben.

Aber ich hatte auf meinem Bücherregal die Maobibel liegen.

Und an der Wand, in rot- schwarz natürlich, hing der gute Che.

Natürlich mit Mütze und Stern.

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Und dass mir der Rektor der Universität damals persönlich einen Brief schrieb, hinterließ großen Eindruck bei meinen Kommilitonen, wenngleich er mir mit der Exmatrikulation drohte.

Wir waren ja keine philosophische Fakultät, sondern eine Ingenieurschule und Berliner Verhältnisse waren in Karlsruhe nicht gewünscht.

Noch einmal machte ich mich auf den Weg nach Bonn, mit dem Bus.

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Es fuhren hunderte von Bussen nach Bonn.

Zur großen Demo gegen die Notstandsgesetze.

Wiedermal saß ich irgendwo in Bonn auf einer Straße und behinderte Irgendjemanden bei Irgendetwas.

Mehr Sinn besaß ich damals für meine politischen Aktivitäten nicht.

Hauptsache dagegen.

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Ich war mindestens einmal in der Woche sternhagelvoll.

War ich doch Mitglied in einer Studentenverbindung und das Würfelspiel „Brutale Siebzehn“ war daran schuld und – ich kann mir das bis heute nicht richtig erklären – ich gab dennoch fristgerecht meine Ingenieurs-Zulassungsarbeit ab.

Bestand alle meine Prüfungen mit Bravour und bekam im zarten Alter von 23 Jahren das Ingenieursdiplom ausgehändigt.

Und saß  von diesem Tag an auf keiner Treppe mehr herum.

Saß auf keinen Straßenbahnschienen.

Saß in keinem Demo-Bus.

Das Sitzen war out.

Jetzt saß ich dafür 8 Stunden täglich am Schreibtisch.

Und konstruierte, triangulierte, addierte, differenzierte und …ierte und …ierte.

Ich hatte Etwas kap…..iert.

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Hoffentlich habt ihr den Zusammenhang zwischen Text und Bild kapiert.

Ein Leben wie ein Hund :

Kinderarbeit  – kein Zugang zu Bildung.

Auch das hübsch herausgeputzte Mädchen verrichtet in Thailand eine mindestens 8 stündige Arbeit.

Posen, damit  nach dem Foto-Klick die im Hintergrund lauernden Eltern abkassieren können.

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