La Fontaine de Vaucluse

Enges Tal! – Auf der ganzen Welt gibt es keine Gegend, die mir und meinen Studien förderlicher wäre!

Enges Tal! – Als ich es als Kind besuchte und in meiner Jugend zu ihm zurückkam: in seinem angenehmen Schoss hat es mich erquickt!

 

Enges Tal! – Als Mann habe ich hier die besten Jahre, die weißen Stränge meines Lebensfadens, angenehm verlebt!

Enges Tal! – Als Greis wünsche ich hier die letzten Jahre zu verleben und in Deinem Schutz, enges Tal, zu sterben!

Wir radeln an einem Sonntagmorgen vom Städtchen L‘Isle sur Sorgue aus immer entlang dem Fluss Sorgue, müssen aber bald feststellen, dass der Radweg leider nicht bis nach Vaucluse führt, dass wir doch auf die Landesstraße ausweichen müssen.

Dort drangsaliert uns der sonntägliche Ausflugsverkehr an den Rand der Straße.

Das macht keinen Spaß, aber wir haben keine Wahl.

Wollen wir doch an den Quellort dieses Flüsschens, nach Fontaine de Vaucluse.

Wenn wir uns den Ortsnamen lateinisieren, dann sind wir auf der Fahrt in ein „vallis clausa“.

Somit Namensgeber des Departement Vaucluse.

In die Literaturgeschichte ist Fontaine-de-Vaucluse durch den italienischen Dichter Francesco Petrarca eingegangen.

Dieser verbrachte hier zwischen 1337 und 1353 längere Abschnitte seines Lebens.

Hier fand er die Ruhe, um sein  bedeutendstes Werk zu schaffen.

In seinen „Canzoniere“ beschreibt er  seine ewige Liebe zu Laura, zu einer Laura, ein platonisches Liebesverhältnis zu einer holden Dame, die es wahrscheinlich nie gegeben hat, die sich aber wie ein roter Faden durch sein ganzes poetisches Schaffen zieht und das ihn, wie der Dichter selbst schrieb, „einundzwanzig Jahre lang glühend“ eingenommen hielt.

Glauben sie aber ja nicht, dass ich all dieses Wissen schon zu der Zeit unserer Anreise besaß.

Ne, in dieser literarischen Hinsicht ging meine Vorbereitung total ins Leere.

Was mich an diesem Örtchen interessierte, war der geographische Hinweis, dass hier die stärkste Quelle Europas entspringt, dass hier der deutsche Höhlenforscher Hasenmayer mit einem Tauchboot bis in über 300 Meter Tiefe  in diesen Quelltopf vorgestoßen war.

 

Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist also die Quelle der Sorgue am Fuße einer 230 Meter hohen Felswand, die den Fluss zur Zeit der Schneeschmelze mit bis zu 200 m³ pro Sekunde speist.

Je nach Jahreszeit und Regenmenge variiert der Wasserstand sehr stark.

630 Millionen Kubikmeter Wasser  im Jahr kommen jedoch regelmäßig zusammen.

Jetzt im September wird der größte Teil des oberirdischen Beckens trocken liegen, da mache ich mir keine falschen Vorstellungen.

Der Ursprung der Quelle wurde erst 1985 endgültig geklärt: Der tiefste Punkt des Syphons liegt in 308 Meter Tiefe; die Quelle ist der einzige Ausfluss eines unterirdischen Beckens von 1.100 km² Fläche, das die Wasser des Mont Ventoux und der Monts de Vaucluse sammelt und ausspuckt.

Alljährlich rund 1 Millionen Besucher lockt dieses Naturschauspiel der ganz besonderen Art an.

Dies gilt insbesondere im Frühjahr zur Zeit der Schneeschmelze.

In dieser Zeit können bis zu 200 m3 Wasser pro Sekunde  aus dem Quelltopf strömen.

Die größte Karstquelle Deutschlands, der Aachtopf, schafft es gerade mal auf maximal 24 m3 pro Sekunde aus einer 18 Meter tiefen Quellhöhle.

Jetzt allerdings, wir fahren gerade mit unseren Bikes in den Schatten dicht belaubter Platanen, interessiert uns eine gewaltige Steinsäule, die sozusagen  den Mittelpunkt des Dörfchens bildet.

Noch weiß ich nix, aber auch gar nix über deren Sinn, kann aber dem Text entnehmen, dass sie zum 500. Jahrestag im Jahre 1803 erstellt wurde, zum ewigen Gedenken an den Dichter Petrarca.

Schon ein Weilchen her, die wenigsten Touristen versuchen die ausgebleichte Inschrift zu entziffern. Entweder sie wissen bereits alles oder es interessiert sie nicht, zumal das Angebot an Souvenierläden sicher schwache Charaktertypen schnell magisch anzieht.

Bevor wir uns auf den Fußmarsch zur Quelle machen ist mein Interesse jetzt aber auf den Dichter fokussiert, wir überqueren  auf der einzigen Brücke die Sorgue und stellen fest, dass das Museum zu Ehren des Dichters sonntags geschlossen ist.

Na, dann machen wir halt mal Brotzeit am schattigen Ufer dieses Flüsschens, in eines der vielen Restaurants, die sich balkonartig den Fluss entlang reihen, hoffentlich in ausreichender Höhe vor den Wassermassen der Sorgue, wollen wir nicht.

 

Smaragdgrün leuchtet das Wasser, durch Steinmauern aufgeteilt in zahlreiche Wasserbecken und Kanäle, denn das Wasser ließ sich wunderbar zum Betrieb unzähliger Papiermühlen aufstauen oder umleiten.

Wehre, Schleusen, Kanäle und Wasserräder sind Zeugen der Wassernutzung.

Eine einzige Papiermühle ist heute noch erhalten, wir werfen einen Blick auf die Produktionsstätte, auf eine Zeit, als Papier noch teuer war und  das Wort Altpapier noch nicht erfunden war.

Gestärkt gehen wir der etwa 300 Meter hohen Felswand entgegen, die das Tal brutal beendet, das uns von Menschenseite durch eine zaunartige Absperrung des Weges deutlich gemacht wird.

Aber komischerweise steigen alle Wanderer über dieses lächerliche Hindernis, um jenem besagten und andeutungsweise bereits sichtbaren schwarzen Loch ein wenig näher zu kommen.

So wie die Gipfel eines Berges geradezu magnetisch den Bergsteiger anlocken, so will jeder einen Blick in die schaurige Tiefe werfen.

Lissy traut sich das zunächst nicht zu, ich nenne ihr noch schnell die Policenummer meiner Lebensversicherung und kraxle dann vorsichtig, meiner vier Enkelkinder gedenkend, an das Loch heran.

Noch ein bisschen näher, nur „Loch“ zu sehen entspricht nicht meiner Vorstellung  von einer Quelle, aber nach einigen Schritten muss ich einsehen, dass die Jahreszeit mir nur einen schlierigen, graubraungrünen Wasserspiegel in etwa 50 Meter Tiefe anbieten kann.

Auffällig dagegen sind die Wasserpegelstandsmarkierungen, die in drei versetzten Etappen am Felsen angebracht sind.

 Also wenn ich rechnen kann, dann steigt der Wasserspiegel gerne über 70 oder 80 Meter aus der Tiefe auf und überflutet  das gesamte Blockmeer, durch das wir gerade geschritten oder vielmehr gekraxelt sind.

An manchen Felsbrocken hat eine verständnisvolle Stadtverwaltung mit dem Winkelschleifer Gittermuster eingefräst, so dass die Absturzgefahr an diesen glattgeschliffenen Felsen etwas gemildert wird.

Aber nur etwas. Mit Sandalen beschuht bleibt dennoch ein Restrisiko, sich den Fuß zu verstauchen oder das Steißbein zu beschädigen.

Ein Selfie versuche ich hier nicht zu machen, sind mir doch dieses Jahr beim Studium der Tageszeitung schon einige Beispiele bekannt geworden, bei denen sich der Auslöserdrückende auch gleichzeitig in die Tiefe befördert hat.

Ich warte also, bis sich ein Todesmutiger in die Nähe des Felsabsturzes begibt.

 

Lissy hat sich in der Zwischenzeit auch über die Absperrung  gewagt und naht tastenden Schritts mit der Bemerkung, so einfach ließe sich eine 14 stellige Policenummer nicht merken, es sei wohl besser, wenn sie sich zu meinem Aufpasser erkläre.

Sie mache sich sonst zu große Sorgen, hier an der Quelle der Sorgue.

Damit bin ich einverstanden, denn hier im Schatten der gewaltigen Felswand will ich mich nicht länger aufhalten, mich lockt dieses grasgrüne Flüsschen, vielmehr das Flussbett, mit seinen vielfachen Mauern, die das strömende Wasser den vielen Papiermühlen zuführt, zuführte müsste ich sagen, denn nur eine einzige, sozusagen ein Schauobjekt, ist übriggeblieben.

Die Papiermühle Vallis clausa, mit einem mittelalterlichen Holzhammerwerk, das jedoch jederzeit auf Papierproduktion eingestellt werden kann.

Beeindruckend die vielen Maschinen, die heute ausrangiert zur Bewunderung aufgestellt sind, den meisten Touristen aber kein müdes Lächeln entlocken.

Man nimmt zu viel als Selbstverständliches hin.

An diesem Ort haben Generationen von Menschen nur deshalb ein Auskommen gefunden, weil aus einem dunklen Loch in einer gigantischen Felswand regelmäßig Wasser strömt.

Der Strom der Sonntagsausflügler  hat nur scheinbar etwas nachgelassen, dafür sind jetzt die Restaurants proppevoll, ein Schild an deren Eingangstüre, das auf eine Mindestverzehrmenge von 15 Euro pro Person hinweist, hält die Pastistrinker fern.

Das sollte man als Provencereisender wissen.

Bestelle einen Kaffee oder einen Pastis  und du kannst dich stundenlang auf der Terrasse des Lokals aufhalten, es wird dich niemand fragen, wann du endlich das nächste Getränk bestellen willst.

Bei uns kennt man ja die berühmte Kellnerfrage: Na, ist noch alles in Ordnung? Oder darfs noch etwas sein?

Meist eine Frage, die dir klarmacht, dass man dich als Schmarotzer empfindet, wenn du wahrheitsgemäß mit Ja und Nein antwortest.

Antwort habe ich an diesem Nachmittag keine mehr bekommen auf diesen „ Petrarca“, alles was ich heute über ihn weiß, habe ich mir zuhause angeeignet.

Allerdings sollte er uns auf unserer Radtour rund um den Mt. Ventoux noch einmal begegnen.

Nicht persönlich, aber als Erinnerung an den Menschen, der diesen windigen Berg erstmalig bestiegen hat, vor weit über 700 Jahren.

So wie dieser Bericht über die Quelle der Sorgue von seinen Worten eingeleitet wurde, möchte ich mit einem Satz schließen, den er als Weitgereister aus seinen Erfahrungen resümierend an seine Leser niedergeschrieben hat:

„Und es gehen die Menschen hin, zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breit dahinfließenden Ströme, die Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst.“ (Confessiones X, 8)

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