Versuch und Irrtum

…und da laut Bert Brecht das Weiche durchaus das Harte besiegen kann, machten sie sich vor über 3000 Jahren ans Werk…

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Da hab ich mir doch zu Weihnachten, quasi als Self-Present, einen Abbruchhammer gekauft.

Und ihn mir von meiner Frau schenken lassen.

So war ich am Heiligen Abend ziemlich glücklich.

Diesmal keine Socken, keine Unterhosen, keine Taschentücher, sondern “ a Maschienle“, ein richtiges Männergeschenk.

Vierzehn Tage lang hatte ich zuvor versucht, mit einfachem Meisel und Fäustel, ein Loch durch meine Scheunenwand zu brechen.

Vielleicht 40 auf 40 Zentimeter, nicht größer.

Durch schwäbischen Muschelkalk.

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Der vernichtende Riss.

Nach dem dritten Splitter im Auge, dem zweiten blauen Daumen und einem abgebrochenen Hammerstiel habe ich es dann eingesehen:

Ich bin ein Schwächling!

So kam es zu dieser Kauf- und Geschenkidee.

Ich will aber ehrlich gestehen, dass ich bis heute noch nicht dazu gekommen bin, dieses Hammer-Geschenk – im wahrsten Sinne des Wortes – auszuprobieren.

In der Scheune ziehts nämlich und das Bücken fällt mir zur Zeit ein wenig schwer, schmeckten die Weihnachtsbrötchen doch bauchumfangerweiternd gut.

Aber, das Fett kriegt der Mayerle (ich) wieder weg und dann kriegt das Mäuerle sein Fett weg.

Ratatong, Ratatong – weg ist der Balkong.

Ja, da kommt Freude auf!

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Das Werkzeug

Gleichzeitig meldet sich aber beinahe jede Nacht mein Ego und sinniert wirklich darüber nach, ob meine nachlassenden Kräfte schon ein Zeichen meiner sich anbahnenden Altersschwäche sein könnten.

Sie, glauben Sie mir, das sind Scheißgedanken, an denen ich mich nachts abarbeite.

Kein Wunder, wenn ich morgens ermüdet aufwache und daher den Gang auf meine Baustelle wieder einmal auf den nächsten Tag verschieben muss.

Trotz vorhandenem, noch originalverpacktem Abbruchhammer.

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Freilegung des Obelisk durch Schlag mit der Dolerit-Kugel

Da waren die alten Ägypter halt andere Kerle.

Mit mir in ihrer Arbeitsgruppe allerdings wären die Pyramiden heute noch nicht fertiggestellt.

Obwohl, ich kenne da ein ganz kleines Projekt, an dem selbst sie gescheitert sind.

Aber man muss sie loben, versucht haben sie es zumindest.

Ohne Abbruchhammer, sondern mit diesen komischen Kugeln, die aus einer Granitart sind, die ein bisschen härter ist, als der Granit, den sie damit zerbröseln wollten.

Ursprünglich waren das aber keine Kugeln, dazu wurden sie erst durch millionenfachen Schlag auf den angeblich nicht ganz so harten Granit.

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Eine Dolerit-Kugel –  entstanden nach längerem Gebrauch

Und da laut Bert Brecht das Weiche durchaus das Harte besiegen kann, machten sie sich vor über 3000 Jahren ans Werk.

Sie wollten mal wieder einen Obelisken aufstellen, noch größer als alle schon bekannten Obeliske, das war für sie ein Kinderspiel.

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Das fertige Werk – Napoleon hat sich den „anderen“ geklaut

Aber der Obelisk musste dazu erst einmal aus seiner Kinderstube geborgen werden, herausgearbeitet aus besagtem Granit, aus dem alle bekannten Obeliske dieser Welt gehauen sind.

Und daran sind sie gescheitert.

Irgendwann haben sie aufgegeben.

Nach dem tausendsten blauen Daumen und dem millionsten Splitter in ihrer Haut.

Früher kamen sie leider nicht auf die Idee, das als Aufforderung zum Feierabend zu verstehen.

Sie waren Kerle, die fest daran glaubten, dass Arbeit ruhig auch ein bisschen weh tun könnte.

Oder war das die Idee ihres Pharaos?

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Bild eines Pharaos mit Knebelbart

Man liest ja in den entsprechenden archäologischen Veröffentlichungen, dass die meisten der Arbeiter keine Sklaven gewesen seien.

Was waren sie denn dann?

Scheinselbstständige Steinmetze?

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Sie waren mit ihrem Latein am Ende. Mensch Meier, nur noch unten durch und dann ab.

Ihr Berufsethos oder die Peitsche hielt sie zu den Arbeiten an, bis es auch bei ihrem Oberaufseher klingelte.

Ohne elektrische Hilfsmittel war das nicht zu schaffen.

So stiegen sie enttäuscht – oder froh – aus dieser Grube, um irgendwo im Reich in einer anderen Grube den nächsten Brocken Granit herauszubröseln.

Und gar mancher nahm es mit der Grube zu wörtlich.

Nur dem Pharao wurde ein Kreuz zur Erinnerung gesetzt.

Äh, ich meine natürlich ein Pyramide.

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Die Wohnhäuser wären nicht das Problem gewesen, ihn zum Nil zu bringen

Und so liegt der unfertige Koloss heute noch in seinem Steinbruch bei Assuan.

Wird täglich von hunderten von Touristen bestaunt und geradezu als Symbol menschlichen Scheiterns bewundert.

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Sehen Sie ihn da oben liegen? Für den Transport hätte man halt noch ein kleines Gebirge beseitigen müssen.

Ja, er hat Widerstand geleistet, da kann mir der Fremdenführer erzählen, was er will.

Und ich erzähl Ihnen irgendwann, wie ich das Loch durch den Muschelkalk in meiner Scheuenwand gebrochen habe.

Mit links.

Ratatong, ratatong.

Mal schnell anstelle meines Mittagsschläfchens.


Info

Der unvollendete Obelisk von Assuan ist ein nicht fertiggestellter Obelisk aus Rosengranit. Er liegt in einer Grube der altägyptischen Steinbrüche, etwa einen Kilometer vom Nil entfernt.

Mit einer Höhe von 41,75 Metern auf einer Basis von 4,2 + 4,2 Metern sowie einem Gewicht von etwa 1168 Tonnen wäre er bei der Fertigstellung der größte Obelisk des Altertums gewesen.

Und noch eine Information aus der Jetztzeit: Es gibt auf der ganzen Welt keinen Lastkran, der diesen Riesen anheben und transportieren könnte.

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