San Phra Phum

 


Sie müssten jetzt die Frage an mich richten können, was es denn da auf dem Foto zu sehen gibt?

Irgendwie exotisch?

Sicher nicht in Deutschland fotografiert?

Und dennoch irgendwie Krippencharakter ausstrahlend.

Kleines Arrangement von Figuren in einem kleinen Häuschen.

Und davor immer Menschen, die in einer Art stiller Andacht sich den Figuren zuwenden, vielleicht sogar einen Wai machen.
Jetzt müssten Sie zumindest wissen, dass wir in Thailand sind und der „ Wai“ die religiöse Verbeugung ist, ähnlich unserem katholischen Kniefall.

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Aber was stellt das Häuschen dar, über das wir vielleicht witzeln wollen, weil es so lustig und kindlich aussieht?

Und vor dem sich der Thailänder andächtig verbeugt, vielleicht sogar ein Räucherstäbchen anzündet und geheimnisvolle Laute vor sich hinmurmelt.

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Es ist ein San Phra Phum!
Jetzt sind Sie auch nicht gescheiter als zuvor, also versuche ich es einmal mit der Übersetzung ins Deutsche.

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Es ist ein Geisterhäuschen.

Ein angenehmer Wohnort für die vielen Geister, an die jeder- ich betone jeder –Thai glaubt.

Lächeln Sie bitte nicht.

Fragen Sie einen Isländer, ob er an Trolle und Erdgeister glaubt und Sie werden hören:

„Natürlich“.

Warum sollen also Thais nicht auch an paranormale Vorgänge glauben?

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In der Geisterwelt der Thais gibt es eine Vielzahl guter, aber auch böser Geister.

Auf dem Land ist der Geisterglaube noch allgegenwärtiger als in der Metropole Bangkok, aber gerade hier im Straßendschungel der Millionenstadt bin ich auf unzählige Geisterhäuschen gestoßen.

Phra Phum ist ein Erdgeist, dem man mit Respekt und Ehrfurcht begegnet und der in diesem besagten Minihäuschen wohnt.

Dieses Häuschen steht vor jedem Hotel, jedem Krankenhaus, jeder Schule, am Eingang einer Tiefgarage oder im Eingangsbereich eines der modernsten Kaufhäuser der Welt, dem MBK.

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Und das Geisterhäuschen soll noch komfortabler, noch bequemer, noch schöner sein als die Umgebung, denn man möchte diesen guten Geist an dieses Häuschen und somit auch mit seiner Wohlgefälligkeit an das Haus und seine Bewohner binden.

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Menschenfiguren in dem Häuschen symbolisieren die Dienerschaft des Geistes und die kleinen traditionellen siamesischen Tanzfiguren sollen den Geist unterhalten.

Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt, ich habe auch schon Modelle von Autos oder gar Fernseher ausgemacht.

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Auf jeden Fall soll der Geist sich so wohl fühlen, dass er nie wieder wegmöchte.
Um das Häuschen herum ist eine Plattform angebracht für die täglichen Opfergaben, sei es eine Dose Cola oder ein Packung Kaugummi, alles kann als Opfergabe dargebracht werden.

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Der Geist ist nicht anspruchsvoll, nur täglich sollte an ihn gedacht werden.

Frische Blumengirlanden, Räucherstäbchen sind häufig anzutreffen.

Zum absoluten Muss muss ihm regelmäßig Speis und Trank gereicht werden, damit er sich immer wohlfühlt und man sicher ist, dass er Haus und Hof und Familie beschützt.

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Aber bitte immer nur vormittags bis 12 Uhr, denn ein wohlgefälliger Geist isst wie die Mönche nur am frühen Vormittag.

Und hat man einen besonderen Wunsch, der im Moment aus irgendeinem Grund nicht realisierbar ist, so hat man ja immer noch die Gelegenheit, dem Hausgeist kleine Geschenke zu machen.

Vielleicht – nein sicher – geht dadurch der Wunsch in Erfüllung.

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Und weil die Thais nicht alle ein eigenes Haus bewohnen, ein Grundstück vorweisen können, über das der gute Geist wacht, finden wir auf den vielbefahrenen Straßen Bangkoks gewaltige Geisterhäuschen, die im Laufe eine Tages von Tausenden Thais aufgesucht werden.
Das berühmteste „ Häuschen“ ist der Erawan-Schrein.

Wenn Sie glauben, dass ich meine Fotolinse mal wieder reinigen könnte, weil meine Fotos einen Grauschleier aufweisen, so kann ich Ihnen versichern, dass das auf die Rauchentwicklung von Tausenden Rauchstäbchen zurückzuführen ist.

Wenn Sie glauben, dass eine Tanzvorführung ausschließlich für Touristen stattfindet, die sich dort natürlich auch einfinden, dann sind Sie jetzt etwas gescheiter.

Hier tanzen berufsmäßig bildhübsche Thai-Frauen dem Phra Phum zur Unterhaltung.

Mindestens jede Viertelstunde einmal.
Dieser Schrein wurde 1956 errichtet, weil auf unerklärliche Weise viele Bauarbeiter ums Leben kamen, die an dieser Stelle das Erawan-Hotel errichten wollten.

Da legten eines Tages die verbliebenen Arbeiter die Arbeit nieder, es wurde ein Astrologe und ein Mo Phi zu Rate gezogen.

In Thailand ein gefragter Beruf, ein Geisterdoktor.

Dieser stellte fest, dass die Geister an diesem Ort sehr aufgebracht waren, weil auf dem Grundstück Bäume gefällt worden waren, in denen sie ihre Heimat hatten.

Um diesen erregten Geistern eine neue, noch schönere Heimstatt zu bieten, wurde der Erawan Schrein errichtet.
Und die Unfälle hörten schlagartig auf, das Hotel konnte problemlos weitergebaut werden, wurde 1988 jedoch schon wieder abgerissen, weil es dem neuen Hyatt-Erawan Hotel Platz machen musste.
Der Erawan Schrein ist heute eine touristische Sehenswürdigkeit Bangkoks und liefert dem Fotografen unzählige Motive.

Allerdings sollten Sie beim Fotografieren, vielleicht weil Ihr Weitwinkelobjektiv zu groß ausgefallen ist, nicht unvorsichtig zurücktreten.

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Das könnte Ihren sofortigen Tod bedeuten, weil sich dieser Schrein an der meistbefahrenen Kreuzung Bangkoks befindet, dort wo Rajdamri und Ploenchit Road kreuzen, und eine unendliche Kolonne von Autos, Lastwagen, Taxis und Tuktuks vorbei donnert.

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Und sollte der Betonmischer meines Fotos auch nur 30 Zentimeter von seinem Kurs abkommen, ist es um Sie geschehen.
Da können Sie noch so intensiv zuvor zu Ihrem Schutzgeist gebetet haben.

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