Geknipst oder fotografiert ?

Eigentlich hätte ich sie schon längst abbestellen sollen.

Ich komme einfach nicht dazu, all ihre hochgeistigen Beiträge zum Weltgeschehen zu lesen.

Wenn da nicht ab und zu ein paar interessante Fotos abgebildet wären.

In dieser Zeitung.

So gefiel mir dieses abgebildete Foto außerordentlich.

War ich doch in einem früheren Berufsleben mit der Aufnahme und Auswertung photogrammetrischer Aufnahmen für Vermessungszwecke beschäftigt.

Das Foto ist sicher eine Satellitenaufnahme, denn beim Blick aus einem Urlaubsflieger sehen wir die Welt so nicht.

Ein Netz starker und feiner Adern, so sehen Bäche und Flüsse für das menschliche Auge aus, wenn man von ganz weit oben auf unseren Blauen Planeten schaut.

Ein großartiger Draufblick.

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DIE ZEIT Nr.52

Wem ist das schon vergönnt!

Was?

Na, soooo auf die Erde zu  blicken.

Wer kann sich den dazu notwendigen Raketenstart leisten?

Ja, wenn du bei der ESA beschäftigt bist, ein halbes Jahr zum Dauergucker auf unseren Planeten berufen und ausgebildet wirst und dafür bei deiner Rückkkehr auch noch das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommst.

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Abbildung: DIE ZEIT Nr.52

Das sind fantastische Fotos, auf Grund des technischen Aufwandes Millionen wert, vergleichbar mit den Preisvorstellungen für einen Gogh oder Tizian bei Christies Auktionen.

Das ist mir erdgebundenem Knipser wohl niemals möglich.

An einem wunderschönen Sommertag also schwinge ich mich auf mein Fahrrad, den Fotoapparat in der Satteltasche, zur Fahrt in den Botanischen Garten nach Karlsruhe.

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Postkartenmotiv: Botanischer Garten in Karlsruhe

Da macht man dann halt ein paar Fotos, Postkartenmotive, eines engagierten Fotografen nicht würdig.

Versucht sich an der Panoramafunktion der Kamera und wundert sich, wie einfach das heutzutage funktioniert.

Da gibts nicht mehr viel zu überlegen.

Aber, solche Fotos reißen mich leider nicht vom Hocker.

Nicht mal die eigenen.

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Panorama: Hinter dem Karlsruher Schloss

Aber man muss Geduld haben.

Unter hundert Allerweltsfotos ist vielleicht ein Tolles dabei.

Wenn man das Motiv findet und es in die eigene Bildsprache umsetzt.

Für mich war es ein ganz ruhiger, gemütlicher Sommertag, eigentlich kein Tag zum Fotografieren, weil die Sonne viel zu hoch stand, viel zu harte Schatten zeichnete.

Aber wer weiß das noch, im Zeitalter der schnellen Handyfotos, dass Sonne und Schatten die Erzfeinde jedes engagierten Fotografen sind.

Es wird auf Teufel komm raus fotografiert.

Selfies überschwemmen die Welt und wenn du nicht aufpasstst, wird dir als Unbeteiligter noch ein Auge ausgestochen, denn Handys werden seit geraumer Zeit mit Verlängerungsstock angeboten.

Hat man früher im Humboldt’schen Sinne fotografiert, aus Interesse an fernen Ländern und seltenen Sitten, so ist das Reisebild per Selfie ein Bild des Reisenden, nicht der Reise.

Mit dem Gestänge, das das Handy aufnimmt, ist man jetzt auch in der Lage, zu sehen, welcher Wasserfall gerade über dich herunter prasselte, welches Schloß seine Flügel hinter dir ausbreitete oder welche Menschenmassen um dich herum den Soundtrack zum Konzert abgaben.

Ohne das Gestänge war das Selfie reine Selbstliebe. Ein Gruß an die Heimat:

Ich bin hier, ihr seid es nicht.

Manischer Exhibitionismus wird zur weltweiten Epidemie.

Jetzt, mit dem Gestänge, lässt sich zeigen, wo man war.

Was doch 50 Zentimeter mehr Abstand ausmachen.

Man klickt drauf los, kosten tut es ja eh nichts mehr dank digitaler Pixel und weh tun wir damit auch niemandem.

Ich habe zumindest noch kein Selfie gezeigt bekommen, auf dem die Protagonisten weinten.

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Vor dem Karlsruher Schloss: Was, du hast ein Selfie von uns gemacht? Da, nimm!

Aber an diesem Sommertag sah es auch für mich mehr nach Knipsen aus.

Ich befand mich in einem fotografischen Sommerloch.

Wenn ich da nicht dieses Zeitungsfoto in meiner Erinnerung gehabt hätte und mir plötzlich etwas Rotes aus einer Blumenrabatte entgegenleuchtete.

Nein, keine Rose, keine Nelke, keine Aster, viel zu lapidar.

Es war ein Ziermangold, von der Sonne durchleuchtet.

 Jetzt hieß es nur noch sich auf den Boden schmeißen und eine Bild-Serie abfeuern.

Unterbelichtet, überbelichtet, richtig belichtet, mit Blitz, ohne Blitz, mit Weitwinkeleinstellung, nein, doch besser Tele, offene Blende, kurze Verschlusszeit, ohne Autofocus, mit Spotmessung, das ganze Programm.

Schnell immer mal wieder in den Schatten, um das Ergebnis auf dem Bildschirmchen zu begutachten.

Die interessierten Fragen eines älteren Ehepaars beantworten, die Beine schnell anziehen, weil ein rasanter Radfahrer niemals damit rechnet, dass da ein paar Haxen im Weg liegen.

Verflixt, jetzt drückt aber ein Stein gewaltig auf die Kniescheibe.

Auf die Toilette müsste ich auch einmal, das drückt auch schon ganz schön.

Aber lieber noch einmal auf den Auslöseknopf drücken.

Genug gedrückt, jetzt sich schnell verdrücken, nach Hause, an den Computer.

Ein Strahlen geht über mein Gesicht.

So schön kann Ziermangold sein.CIMG0290a

Oder lüge ich sie etwa an?

Ist das vielleicht doch nur eine Kopie aus diesem Buch: Entdeckung des Blauen Planeten?

Oder gar auf dem Roten Planeten gemacht?

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