Haus mit Eiern auf dem Dach

„[…] der einzige Unterschied zwischen mir und einem Verrückten ist der, daß ich nicht verrückt bin!“
Verstehe Dalis Satz wer will.
Mir fällt das schwer.
Lassen Sie mal einen Lügner sagen: Ich bin ein Lügner!
Völlig verquere Verständnislage.
Aber nach Lage der Dinge, stehen wir in Figueras vor dem Dali-Museum.
Und betrachten verwundert zunächst mal die Dinge, die schon beim ersten spähenden Blick aus der Ferne sichtbar sind.

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Eier!
So etwa ein Dutzend Eier.

Auf dem Dach.
Normale Hühnereier, allerdings in der Größe eines Kleinwagens.
Und hunderte von Brote.

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Baguettes würde ich sagen.
In regelmäßigen Abständen im Mauerwerk des Museums untergebracht.
Da bekommt man doch sofort Gelüsten auf ein vernünftiges Frühstück.
Ein Frühstücksei und ein Baguette.
Ein Schluck Kaffee.
Reicht für den Tag.
Zumal unser Frühstück heute morgen im 100 Kilometer entfernten Llanca ein wenig dürftig ausgefallen ist.
Wir wollten so etwa gegen 10 Uhr in Figueras sein, um uns den großen Masturbator zu Gemüte zu führen.

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Verzeihen Sie die Wortwahl, aber der Titel eines Gemäldes von Dali lautet so.
Nicht dass Sie glauben, auf dem Bild sei eine entsprechende obszöne Handlung zu sehen.

Nein, weit gefehlt, ein völlig durchlöcherter riesiger Steinbrocken in einer außergewöhnlichen Form.
Der Phantasie eines Verrückten entsprungen?
Denken Sie bitte an meinen einleitenden Satz und lassen Sie mich mein Wissen über diesen Stein ausbreiten.

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Den Stein können Sie durchaus genau so in der Natur finden.

Wenn Sie sich im Naturpark Cap Creus an der spanischen Costa Brava aufhalten.
Natürlich müssen Sie ein bisschen suchen.

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Aber wer ihn finden will, findet ihn.
Ich leider nicht.
Daher stammt meine Abbildung aus dem Internet.
Hoffentlich erwächst mir daraus kein Gerichtsprozeß.
Wir sind in der Umgebung des Leuchtturms am Cap ein wenig in der Wildnis herumgestromert.

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Haben uns über die Aussicht auf das Meer gefreut und haben versucht, den steilen Abhang hinunter zu kommen, um unten die Füße ein wenig ins noch kalte Mittelmeerwasser zu hängen.

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Es ist Pfingsten und vom großen Touristenstrom ist noch nichts zu sehen.
Kilometerweit eine versteinerte Landschaft mit prachtvollem Kräuterbewuchs.
Und einem phantastischen Duft in der Luft.
Dufte, sagt der Berliner.

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Und da die ganze Aufmerksamkeit meiner Liebsten in der Identifikation der Gewürzkräuter bestand, hatte ich Sorge, dass sie darüber vom Weg, ungewollt natürlich, abkommen könnte.

Das ist in dieser Gegend nicht besionders lustig.
Lustig sieht es um das Museum herum aus.

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Kleine und größere Kunstwerke begeistern oder langweilen bereits einige Leutchen.

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An der Kasse bildet sich bereits eine kleine Schlange.
Wie gestern bei unserem Besuch in Port Lligat, im ehemaligen Wohnhaus des Künstlers.

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Strahlender Sonnenschein, prachtvolle Bougainvillen und eine begeisternde Gartenexzentrik.

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Weiß gekalkt die Felsen, die Augen geblendet, ein kleines Labyrinth zwischen den einzelnen Fischerkaten und auch dort schon überall das Leitmotiv:

Eier.

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Allerdings hatte ich, vor allem bei der Besichtigung der Wohnräume den Eindruck, dass man hier krampfhaft das Inventar zusammengesucht hat, um dem Besucher etwas bieten zu können.
Natürlich war der zahme Ozelot, Dalis Haustier, nicht mehr da.

Über dessen Verbleib nach Dalis Tod konnte ich nichts in Erfahrung bringen.

Aber interessiert hätte es mich schon, immerhin benutzte Dali die Exkremente dieses Tieres, um seinen Schnurrbart in Form zu bringen.

Naja, sah ja ganz verwegen aus, aber dass Gala, seine Ehefrau und Muse dagegen nicht eingeschritten ist, verwundert mich schon ein wenig.

Weiß ich doch, wie penibel meine Liebste auf einen ungewöhnlichen Duft reagiert.
Reagiert hat sie schon, die Gala, die eigentlich Helena Dimitrijewna Djakonowa hieß und aus Moskau kam, so ist das nicht.

Sie hat sich jeden Morgen von einem jungen kräftgen Fischer mit dem Boot abholen lassen.

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Auf welcher Insel sie den Tag verbrachten, steht natürlich nicht in Dalis Biographie „Aus dem geheimen Leben des Salvatore Dali“, dass sie abends wieder zurückkam, ist allerdings verbürgt.
So genau will ich es auch nicht wissen.

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Aber trotz Ozelotschen Dufts scheint er, der Dali, schon eine gewisse Anziehungskraft besessen zu haben.

Besessen war er von Frauen, die ihn inspirieren mussten, die jedoch mit keinen erotischen Gefälligkeiten aufwarten mussten, Dali war daran nicht interessiert.
1965 gelang es dem großen Fotografen Bokelberg eine mehrtägige Session mit Dali in Port Lligat zu vereinbaren.

Einzige Vorbedingung Dalis:

Er musste ein bildhübsches Mädchen mitbringen.
Sie hieß Lotte Tarp, war eine blonde, was anderes war damals nicht denkbar, Dänin und
an „Ginestas hinreißenden Hüftknochen entzündet sich meine Magie augenblicklich“.

Schreibt der Künstler selbst.

Über sich meist in der dritten Person.

Für acht Tage befindet sich das Zentrum des Universums in den Hüftknochen des Mädchens.

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„Ginesta Ophelia“ ist der Kunstname, den Dalí der blonden Dänin schon bei der Begrüßung verleiht.
Für sein geplantes Happening benötigt Dali zwei bis drei Zentner weiße Bohnen, die von Bokelberg auch nach stundenlanger Fahrt ins Hinterland besorgt werden können.

Als er damit zurück kommt, kommt ihm Dali in einer seltsamen Prozession entgegen.

Er führt die splitternackte Lotte an einem Hundehalsband, sie kriecht auf allen vieren.

Die Guardia Civil sichert dieses „ Gassigehen“ ab, Dali genießt hier in Port Lligat absolute Narrenfreiheit.

Vor allem nachdem er die Exekution von fünf Personen als mutmaßliche Terroristen in einem Glückwunschschreiben an Franco gutgeheißen hatte.

Noch unter der Herrschaft des Diktators Franco wurde als Dank die ganze Bucht von Port Lligat unter Naturschutz gestellt.

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Ginesta, alias Lotte, schlabberte dann gemeinsam mit dem Ozelot Milch aus einem Futterschälchen.

„Monsieur Bokelberg besucht mich mit Mademoiselle Ginesta in Port Lligat, um Dalís Magie auszubeuten“, wird Dalí später notieren.
Die Tage vergehen mit grotesken Inszenierungen, aber nach der Erinnerung von Bokelberg „drehte es sich dabei nur noch um Hundekacke, Dali-Pippi und Geld“.
Dazu muss man wissen, dass Dali jeden Morgen um exakt 6 Uhr Pippi machte und das als Grundlage seiner Philosophie verkaufte.
Und die liebe Lotte?
Ließ sie das alles für Geld über sich ergehen?
Nein, sie habe bitterlich geweint, als die verrückten Tage vorüber waren und sie abreisen musste.

Sie wäre noch gerne geblieben.
Trotz Ozelotsduft?

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Die Schlange an der Kasse wird länger, eigentlich habe ich schon das Portmonnee gezückt, als meine Gedanken verrückt spielen.

Alles Kommerz!

35 500 Druckbögen hat Dali blind vorsigniert und seinem Sicherheitsberater Captain Moore zur weiteren Bearbeitung überlassen.

Schon damals gings nur ums Geld.

Was gibt es da drin zu sehen?
Wie auf ein geheimes Zeichen winken wir beide ab.

Man wird uns doch zuhause nicht für verrückt erklären!?

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