Auf dem Mongibello

Tanzen ist nicht meine Sache.
Gelinde ausgedrückt.
Es bedarf schon ein, zwei Gläser Wein, um mich auf die Tanzfläche zu bringen.
Aber tanzen auf einem Vulkan?
Soll das ein besonderes Vergnügen sein?

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Am Silvesterabend des Jahres 1918 wurde das Tanzverbot der Kriegsjahre aufgehoben und wie ein Rudel hungriger Wölfe stürzte sich das Volk ins Vergnügen.
Damals glaubte man noch eine herrliche Zeit vor sich zu haben, das nahende Unheil wollte man nicht sehen und so konnte sich später dieser Begriff des Tanzes auf einem Vulkan mit den Lebensgewohnheiten vieler Deutscher, vor allem in Berlin, anwenden lassen.
Modetänze wie Charleston, Shimmy und Cakewalk eroberten die Reichshauptstadt und eine Tänzerin namens Josephine Baker wurde als schwarze Venus gefeiert.
Und wer auf der Straße auf dem Nachhauseweg ein Liedchen vor sich hinsummte, der war sich sicher, dass ein hinzu kommender Bubikopf den Text dazu auswendig kannte :
„Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n.“
Diesen Tanz auf dem Vulkan, bereits Udo Jürgens hat in einem seiner Lieder diese Phrase benutzt, habe ich auch im Repertoire von Nena gefunden.
Sie hat dazu noch ein paar Geister, eine Hexe, einen Engel gedichtet.
Auch Asbest fand sie ansprechend, gepaart mit Träumen.
Den letzten Atemzug bemüht, die letzten Tage zählend.

Das macht sich immer gut.

Hier ihr Text:
Engel haben keine Schonzeit
Träume sind nicht wasserfest
Keine Chance für gute Geister
Hexen sind nicht aus Asbest
Komm ganz nah heran
Tanz auf dem Vulkan
Komm ganz nah heran
Tanz auf dem Vulkan
Ich hör wie drüben jemand schreit
Zum letzten Atemzug bereit
Die letzten Tage sind gezählt
Denn der Vulkan regiert die Welt
Komm ganz nah heran
Tanz auf dem Vulkan.

Ja, unsere letzten Tage auf Sizilien waren an einer Hand abzuzählen.
Lang genug waren wir im Liegestuhl an den Gestaden des Tyrhennischen Meeres gelegen, hatten uns die Sonne auf den Pelz scheinen lassen, das Meer zur Genüge ausgekostet und hatten die mitgebrachte Reiseliteratur unter einander ausgetauscht und verschlungen.
Jetzt aber war es Zeit, unserem Urlaub einen Höhepunkt zu verpassen.

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Hoch hinaus, das bedeutet auf Sizilien 3352 Meter über dem Meer.
Hoch hinaus, das klingt irgendwie nach Anstrengung, nach Kraxelei.
Hoch hinaus, auf Europas höchsten Vulkan.
Hoch hinaus auf den Ätna.
Der international <Etna> geschrieben wird und den die Einheimischen nur den <Berg> nennen.
In ihrer Sprache <Mongibello>.

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Ganz nah heran wollten wir, wie Nena es fordert, hatten wir den rauchenden Berg doch auf all unseren Reisen durch die Insel in den Himmel ragen gesehen, von Taormina aus, von Agrigent aus, von Catania aus und phantastisch nah aus unserem Flugzeugfensterchen.
Was lag also näher, als sich den Kerl mal ganz nahe anzusehen?

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Kerle wie wir würden das bisschen Höhe schon packen, zur Not unsere Frauen huckepack auf den Gipfel tragen, denn diese Vorstellung hatten wir, als wir am Fuße des Berges die passende Straße fanden, die zu ihm hinaufführt.

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Bald würden wir am Kraterrand stehen und in die schaurige Tiefe blicken.
Natürlich hatten wir keinen Asbestanzug dabei, aber in die Kratertiefe wollten wir ja auch gar nicht absteigen.
Man stellt sich dort ja so einiges vor.
Hexen, böse Geister und so.
Plötzlich höre ich nach der zigsten Kurve den Schrei meiner Liebsten, die aufgeregt nach rechts unten deutet, wohin mir der Blick als Fahrer aber durch die Schutzmauer verwehrt bleibt.
Also nach einer Parkbucht gesucht, denn so ganz ohne Grund schreit meine Liebste nicht.
Tja, da hat ein Hausbesitzer Pech gehabt.

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Ein Lavastrom hat sein Haus niedergewalzt.
Aber wieso baut man auch ausgerechnet hier, direkt über den drei Magmakammern des Ätnas, die sich zwischen 2 und 10 Kilometern in der Tiefe befinden, sein Heim?
Nun, der Bauherr war sich wahrscheinlich ziemlich sicher, dass hier an der Westflanke so etwas nicht geschehen würde, ein bisschen Risiko trägt schließlich jeder Hausbesitzer im weiten Umkreis.
So ganz genau lässt sich das bei diesem Vulkan nicht vorhersagen, an welcher Stelle sich ein neuer Krater auftut, ein Nebenkrater geboren wird.
Laterale Flankeneruptionen nennt das der Geologe.

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1669 bildeten sich entlang einer Störungszone sieben Parasitärkrater, die Lava schlug eine Schneise durch Catania und floss ins Meer.
Das Castello Ursino, zu diesem Zeitpunkt eine Festung am Meer, liegt heute etwa einen Kilometer von der Küstenlinie entfernt.
Das erforderte natürlich eine Menge magmatisches Material, so dass sich die gesamte obere Magmakammer entleerte.
Deshalb glaubt man heute, dass die größte Gefahr am Ätna nicht von einem eruptiven Ausbruch ausgeht, sondern von einem gewaltigen Hangrutsch, die gesamte Ostflanke des Vulkans würde abscheren und könnte zahlreiche Städte unter sich begraben.
Und da die gesamte Umgebung des Vulkans dicht besiedelt ist, würde das Tausenden von Menschen das Leben kosten.

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Apropos Kosten.
Wir parken unser Auto auf dem riesigen Gelände an der Talstation der Seilbahn auf 1900 Meter über dem in der Sonne glitzernden Meer und verlassen die Kabine bei etwa 2500 Meereshöhe .
Wir flüchten uns in den Schatten des Gebäude, denn es ist ziemlich heiß.

Weniger heiß verläuft unsere Diskussion, denn wir stehen vor der Frage, ob wir den Berg zu Fuß erklimmen oder ob wir es in einem der allradangetriebenen Geländebusse versuchen wollen.
Wir fühlen uns ganz gut zu Fuß und sparen zudem einen Fuffi pro Person, daher ist unsere Entscheidung einstimmig getroffen, wir werden den Mongibello zu Fuß besteigen.

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Die Piste ist deutlich zu erkennen, sie ist mit zwei Meter hohen Holzstangen markiert und zudem überholen uns am laufenden Band die besagten Geländebusse, hüllen uns in eine Aschenwolke ein.

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Die Piste erinnert mich, ich bin ja schon etwas älter, an die Aschenbahn unseres Schulgeländes, die in den Sechziger Jahren zur Standardausstattung einer fortschrittlichen Schule gehörte.
Auch das Fußballspiel fand bei manchen Fußballvereinen noch auf Asche statt und ich kann mich gut erinnern, dass jeder Wettkampf für mich eigentlich mit Verletzungen wie Steinschlag im Knie und Aufschürfungen am Oberschenkel zu den Folgen hart umkämpfter Spiele gehörte, war ich doch zudem noch Verteidiger und hatte mich daher rücksichtslos ins Tackling zu stürzen.
Nach Spielende musste man sich halt ein paar Steinchen unter der Haut herauspulen, das Blut mit Spucke abwaschen und niemals an Tetanus denken.
Bereits nach einigen hundert Metern Fußmarsch spürte ich ähnliche Schmerzen an meinen Beinen, wahrscheinlich ein Phantomschmerz bei der Erinnerung an vergangene Zeiten.
Nicht ganz geschlossenes Schuhwerk lässt den feinen Aschestaub eindringen und zusammen mit den Socken und Fußschweiß verbindet sich die Feinasche zu einer Art Schmirgelpapier, so dass ich auf die Auswirkungen nicht näher einzugehen brauche.

Als wieder ein Pulk Geländewagen mit grinsenden Touristengesichtern hinter den verschmierten Fensterscheiben an uns vorbei dröhnt, 200 PS im ersten Gang, verlassen wir die breitgefahrene Piste und folgen einem schmalen Trampelpfad, der zudem zum Gipfel eine Abkürzung verspricht.

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Sollte die Strecke nicht genauer markiert sein, so würden wir uns am Donnern des Vulkans orientieren, der so etwa jede 10 Minuten uns mit einem tiefen Grummeln nicht im Unklaren lässt, dass er zurzeit, es war das Jahr 2006, sehr aktiv ist.
Das Gehen wird mühseliger, auf einen guten Schritt vorwärts folgt ein halber Schritt zurückrutschen.
Bald meldet sich der linke Meniskus, er will nicht mehr mitmachen und nachdem auch Hilde Probleme mit ihrem Knie hat, setzen wir uns in eine Aschenkuhle und denken über den weiteren Gang nach.

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Wir machen unseren noch fitten Begleitern Mut, dass sie uns ruhigen Gewissens hier alleine zurücklassen können, wenn sie den Gipfelsturm alleine unternehmen wollen.
Das sei unter Bergkameraden so üblich.
Sollten plötzliche Nebelschwaden oder tieffliegende Wolken ein späteres Treffen an dieser Stelle unmöglich machen, würden wir uns wieder an der Bergstation treffen.
Ausgemacht.
Nach der Kontrolle der Wasservorräte machen sich die zwei auf den Weg, wir sitzen in der Aschenkuhle und werfen ab und zu einen Blick auf die Rückenansicht der beiden kleiner und kleiner werdenden Gestalten.

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Kleiner und kleiner werden auch meine Augen, so dass ich zugeben muss, anstelle der Gipfelbesteigung des Vulkans ein Mittagsschläfchen in der wärmenden Sonne gehalten zu haben.
Geträumt habe ich auf jeden Fall.
Mich auf dem Gipfel stehen sehend und eine Hand in den Himmel reckend.

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Mir fallen plötzlich Wassertropfen auf Stirn und Nase.
Doch ein plötzlich stattfindender Wetterumschwung?
Als meine Augen in die Sonne blinzeln, erkennen sie eine Plastikwasserflasche, aus der jemand spaßhaft die letzten Wassertropfen auf mich herausschüttet.

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Was ihr seid schon wieder zurück?
Das war ja nur knapp eine Stunde.
Die zwei berichten, dass der Gipfelsturm mit unserer Ausstattung nicht zu schaffen ist.

Dazu sei knöchelhohes Schuhwerk unbedingt erforderlich, denn bei dem zunehmend steileren Böschungswinkel seien sie beinahe auf allen vieren gekrochen oder vielmehr hätten sie auf diese Art das Zurückrutschen zu verhindern versucht.
Entgegenkommende Wanderer hätten ihnen zudem berichtet, dass nach 200 Höhenmetern das Ziel erreicht sei, der Torre de Filosofo mit 2920 Metern Höhe, weil ab der dort befindlichen Hütte entsprechende Aufsichtspersonen das Weitersteigen nicht erlauben würden.
Pericoloso.
Asbestanzug notwendig.

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Abwärts wenden wir uns einigen der rostroten Nebenkratern zu und verstehen die Warnung vor der Gefährlichkeit des Vulkans, als wir an einer Bombe vorbeikommen, die wohl schon vor einiger Zeit von den bösen Geistern des Vulkans hier her gespuckt wurde.

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Ganz nah waren wir dem aktiven Krater nicht gekommen, die ganze Zeit aber hatten wir auf dem höchsten Vulkan Europas verbracht.

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Darauf ein Glas Wein.
Heute Abend im Tanzsaal des Hotels, an der Fensterfront stehend und den Blick auf den Vulkan werfend, der in dieser Nacht kräftig gespuckt hatte und dessen Widerschein wir an der aufgezogenen Wolke, die sein Haupt krönte, deutlich erkennen konnten.

Darauf ein zweites Glas schweren sizilianischen Rotweins.
Und dann wird getanzt.

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