Freilandmuseum ‚Rocca al mare‘

…der Weg führt durch die Pampa – was sich in Estland als ausgedehnte Birkenwälder herausstellt…

Im Verlauf unseres Aufenthalts in Tallinn wollen wir noch ins nahegelegen Freilichtmuseum „Rocca al mare“ – sind Esten eigentlich mit den Italienern verwandt? – und laut Kartenstudium ist das für uns kein Problem.

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Nahegelegen, da kommen wir also zu Fuß hin!

  Ich habe die Karte intensiv studiert, meine Frau verlässt sich da voll auf mich.

Ich weiß auch nicht, warum auf dieser Reise ins nördlichste Baltikum all meine Entfernungsabschätzungen solch‘ katastrophale Folgen nach sich zogen.

Aber sich auf den Begriff ‚ nahegelegen‘ aus einem Reiseprospekt zu verlassen, tja, das werde ich kein zweites Mal mehr tun.

Der Weg zieht sich.

Bis wir allein mal aus der Stadt sind!

Das zieht sich, das zieht sich und entlang der Hauptverkehrsstraße ist das gar nicht lustig.

Und dann müssen wir uns auf meinen eingebauten Kompass verlassen, denn Hinweisschilder, die uns den Weg  in Richtung Freilandmuseum angeben würden, finden wir nicht vor.

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Wir queren Neubaugebiete, pilgern durch Parkanlagen und schlagen uns zur Abkürzung des Weges, einem Trampelpfad folgend, durch nordische Birkenwälder – das alles ohne echten Kompass- und wie zum Hohn, als wir wieder eine Straße erreichen, passiert uns der Museumsbus auf seiner Fahrt zum Rocca al Mare.

Das ist nicht lustig.

Zumal wir freundlich von wohl ausgeruhten Touristengesichtern per wohlwollende Handbewegung gegrüßt werden.

Das ist gar nicht lustig.

Dann riechen wir das nahe Meer.

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Das ist wie eine Verheißung, denn der Name des Freilandmuseums verspricht uns ja ‚Stein und Meer‘.

Und den Asphalt haben wir jetzt lange genug unter unseren Füßen verspürt, jetzt könnte mal ein leichter Wellenschlag unsere heißgelaufenen Treter etwas abkühlen.

Eine Künstlerin versucht die Schönkeit der Küste in Tempera zu erfassen, wir bleiben in dezentem Abstand zu ihr stehen.

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Ich bewundere vor allem ihr Stühlchen.

Ach, was gäbe ich für so ein kleines, zusammenklappbares Stühlchen, das man immer zu Hand hat, wenn einen die Füße nicht mehr so richtig tragen wollen.

Und dabei sind wir noch gar nicht am Ziel.

Vielleicht sollten wir es auf dem Seeweg probieren, ein Kahn liegt- nur auf uns wartend – bereit.

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Aber da wäre zuerst mal Wasserschöpfen angesagt und das soll ja auch ziemlich anstrengend sein.

Also zu Fuß weiter.

Man könnte ja die Wanderung mal durch den Genuß eines Leberwurstbrotes mit viel Senf abwechslungsreicher gestalten.

Man hätte daran denken können.

Auf großen Reisen ist genügend Proviant eigentlich lebensnotwendig.

Da sehen wir die ersten Steinmauern, die ersten Reet gedeckten Dächer.

Das sieht nach Museum aus.

Hoffentlich mit Imbissbude.

Und Ruhebänkchen, denn der Rücken schmerzt vom Tagesrucksäckchen, in dem nur Regensachen verstaut sind, und die nächsten Wasserblasen haben sich an beiden Fersen angekündigt.

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Aber, da ist nichts los.

Kein Würstchenstand, kein Cola Ausschank, keine Sitzgelegenheit.

Nur eine Kasse und der Hinweis, dass das Programm gleich los geht.

Herbert, sei ein Mann, so schnell verhungert man nicht!

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Ich glaube, das Museumspersonal hat unsere Laufleistung bewundert, denn nur kurz nach unserer Ankunft spielen und tanzen sie zu unserer Begrüßung auf.

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Auf der einzigen Bank sitzen die Damen und Herren, die mit dem Bus hierher gefahren sind.

Ist das vielleicht gerecht?

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Es lag ja nicht am Geld, von wegen ohne Moos nix los, dass wir den weiten Weg zu Fuß gegangen sind.

Sinnlos an der Bushaltestelle herumstehen, um auf den nächsten Museumsbus zu warten, nee nee, das ist nichts für mich, für einen Mann wie mich!

Wir freuen uns über die Damen, die hier zum Tanz aufspielen.

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Aber begrüßt man so hungrige Gäste?
Ich schiele wohl immer nach einem Grillfeuer in einer der Hütten und träume von einer Rostbratwurst – bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt –  aber da sind die Esten stur.
Wenn die mal Musik machen.

Esten sind das sanges- und tanzfreudigste Volk Europas.(1)

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Was – schon Pause?
Zu essen gibts also nichts, das ist im Eintrittspreis nicht vorgesehen, aber einen tollen Einblick in das Landleben Estlands in den zurückliegenden Jahrhunderten.

Ich schaue mir eine der komfortablen Wohnungen der Vergangenheit genauer an.

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Was entdecke ich da?

Den Eintopfkessel!

Vielleicht auch einen Suppenkessel!

Leer!

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Das Feuer unter dem Kessel stelle ich mir vor.

Ich denke an den Schlachttag bei unserem Nachbarn, im Februar mit Kesselfleisch, kaltem Bier und zwischendurch ein Schnäpsle.

Hätten die hier nicht mal vorführen können, wie früher eine Sau geschlachtet wurde, wie man Metzelsuppe mit gesottenem Fleisch zu sich nimmt?

Nein, Messer und Gabel wären dazu nicht notwendig gewesen, meine zehn Finger hätten gereicht.

Irgendwie hätte ich die Metzelsuppe aus dem Pott bekommen.

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Das Museumskonzept muss in meinen Augen völlig überarbeitet werden.

Zuviel Kochkessel ohne Inhalt, das macht die Touristen nicht besonders glücklich.

So nützt mir das selbst zugesprochene Heldentum gar nichts.

Ja, ich weiß, das war gestern, oder vorgestern, oder vorvorgestern, als noch alles in Ordnung war.

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(Sie können es in meinen anderen Tallinnbeiträgen nachlesen.)

In Ordnung wäre jetzt, wenn wir für den Nachhauseweg die Bushaltestelle möglichst schnell fänden.

Was, der nächste Bus fährt erst in zweieinhalb Stunden?

Also frühestens in drei Stunden etwas zu essen und zu trinken.

Nee, das halt ich nicht aus.

Und so weit wars ja nun auch wieder nicht.

Ich sitz doch hier nicht drei Stunden lang hungrig und durstig rum.

Zumal kennen wir ja jetzt den Weg.

Der Weg führt wieder durch die Pampa – was sich in Estland als ausgedehnte Birkenwälder herausstellt- und zur Sprachlosigkeit zwischen mir und meiner Liebsten.

Ich verspreche ihr, ordentliche Ringelblumensalbe für die diversen Stellen an unseren Füßen zu besorgen.

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Und ein ordentliches Bier zur Kühlung aggressiver Anwandlungen zu besorgen.

Und die Entfernungsangaben in Zukunft genauer und ordentlicher zu untersuchen.

Und morgen eventuell mit einem ordentlichen Bus zum nächsten Ziel zu fahren.

Oder mal einen ordentlichen Ruhetag einzulegen.

Am nächsten Tag:

Ich habe eigentlich ganz ordentlich geschlafen.

Das sage ich aber lieber nicht laut, denn als ich nach dem Aufstehen das schmerzverzerrte Gesicht meiner Liebsten sehe, tut es mir leid.

Das mit gestern.

Meinst du, du kommst in die Schuhe?

Ja, ich hab Glück.

Was meinst du mit „Glück“?

Tefa!

Ach so, Glück, dass wir Tefa-Schlappen mit dabei haben.

Ja, es ist heute  wohl etwas kalt für unsere strapazierten Füße, aber es gibt nichts Bequemeres für geschundene Haxen als barfuß in Tefa-Sandalen.

Haxen?

Gibts da irgendwo eine ordentliche Schweinshaxe mit Sauerkraut!

Da, wo wir heute hingehen.

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2003 wurden die estnischen, lettischen und litauischen Lieder- und Tanzfeste von der UNESCO als Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit anerkannt und 2008 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen (aus Wikipedia entnommen)

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