K wie Kilkenny

Ich sehe die Enttäuschung in seinem Gesicht.

Das kann doch nicht wahr sein!

Er blättert den Bildband noch einmal durch, diesmal ein bisschen genauer, konzentrierter, vielleicht deswegen ein wenig langsamer.

Die Enttäuschung will nicht weichen.

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Die Eingangspforte zum Schlosspark

Eine englische Satzfolge entweicht seinen Lippen, jetzt ist er in seine Muttersprache zurückgekehrt, vielleicht soll ich auch den Fluch nicht verstehen.

Aber das Wort fuck höre ich auch mit meinen bescheidenen englischen Sprachkenntnissen heraus.

Als er meinen aufmerksamen Blick bemerkt, grumelt er nur noch leise vor sich hin.

Aber er sucht weiter.

In dem Buch.

Genauer gesagt in dem Bildband.

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Black Abbey

Den er mir gerade geschenkt hat, jetzt gerade unter dem Weihnachtsbaum.

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Die Passion Christi im Kirchenfenster der Black Abbey

Dass sich in dem weihnachtlichen Päckchen so etwas wie ein großes Buch verbarg, das hatten meine Finger schnell ertastet, aber die Vermutungen über den Titel lagen alle daneben.

Auf jeden Fall ein Bildband.

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Kilkenny Castle – ein Normannenbau aus dem 14.Jahrhundert

Schnell aufgemacht und schon war das Buch nicht mehr in meinen Fingern.

Seine Finger glitten schnell über die lange Liste der Städtenamen hinweg, die auf den letzten Seiten im Register aufgelistet waren.

Kein Stocken, gleichmäßig von oben nach unten, dann die Seite umschlagend, weitersuchend nach Kilkenny.

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Der River Nore durchfließt Kilkenny

Nichts.

Das darf doch nicht wahr sein!

Welcher Idiot hat denn diesen Bildband verlegt?

Kilkenny ist eine der schönsten Städte Irlands und in diesem Bildband ist keine Spur von diesem Juwel zu finden?!

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Das Schloss der Ormonds

K wie Kilkenny.

Etwa 150 Kilometer südwestlich von Dublin.

Beinahe im Zentrum der grünen Insel.

Letzte irische Adresse des Sean Treacy.

Ich verstehe beinahe seine Enttäuschung, haben wir – meine Frau und ich – doch keinen blassen Schimmer, wie es in seiner Heimatstadt aussieht.

In Kilkenny.

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Idyllisches Plätzchen am River Nore unterhalb des Castle

Dass ich bei Edeka ein weltberühmtes irisches Bier mit diesem Namen kaufen konnte, das habe ich erst vor einigen Tagen beim Durchstreifen des Bierregals bemerkt und natürlich habe ich einige Fläschchen mit nach Hause genommen.

Schließlich soll sich unser irischer Schwiegersohn bei uns heimisch fühlen.

Vor allem am Heiligen Abend.

Aber ich ahnte es schon, dass dieses Tröpfchen ihm nicht über den Schmerz hinweghelfen konnte.

Über den Schmerz, den der Verleger bei ihm verursachte, weil er nicht an Kilkenny gedacht hatte.

Beim Verlegen.

Ich nehme Sean den Band aus der Hand und will mich mal selbst vergewissern.

Vielleicht funktioniert das irische Alphabet ein wenig anders als das deutsche.

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Ka – wie Kafe Katz

Kells, Kelten, Kenmare, Kerry, Kildere, Kilkee, Killarney, Killary, Killeany, Killibegs, Killyleagh, Kilmainham, Kilmurvy, Kilronan, Kilshannig, King Cormacs Chapel, King Johns Castel, Klippen von Moher, Knocknarea, Kylemore Abbey.

Und Schluss.

Unter K.

Kein Kilkenny.

Die müssen echt bescheuert sein.

Wer hat denn das verbrochen?

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Die werden doch nicht etwa hier wohnen?

Wir schauen nach den Autoren.

Federica de Luca und Antonio Attine.

Na, das muss ja noch nichts heißen.

Aber zwei Italiener in Irland am Werk?

Irgendwie finde auch ich das nicht gerade authentisch.

Aber vielleicht hatten die zwei Autoren sogenannte irische Ratgeber aus Tipparary.

Das würde natürlich einiges erklären.

Denn diese zwei Städte  sind sich, gelinde gesagt,  nicht besonders freundlich gesinnt.

Das wäre dann ja eine richtige Sabotage.

Kilkenny einfach so verschwinden zu lassen.

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Ich habe vergessen die Schornsteine zu zählen. Unverzeihlich!

Ich nehme den erstbesten Atlas aus meiner Schulzeit aus dem Bücherregal, an die weitere weihnachtliche Bescherung ist jetzt nicht mehr zu denken, nach dieser Bescherung.

Ein Bildband ohne Kilkenny.

Ein starkes Stück.

Ah, hier liegt Dublin, da liegt Waterford, da Belfast, da Cork und da liegt doch tatsächlich ein Ort namens Kilkenny.

Auch wenn der Atlas aus dem Jahre 1960 ist, da liegt Kilkenny deutlich eingezeichnet, sogar der Name des Flusses lässt sich noch entziffern: River Nore.

Um über diesen Schock hinwegzukommen, beschließen wir beide noch zwei Fläschchen des Biers aus Kilkenny zu öffnen.

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Gelb gibts in Kilkenny nicht. Die Farbe heißt hier <amber>und ist die Trikotfarbe des Hurlingclubs

Und nun bin ich dran.

Mit der Bescherung.

Habe ich doch im Supermarkt einen echten irischen Whiskey gefunden.

Dreißig Jahre alt und sehr mild.

Die Flasche ist mit einem Drehverschluss versehen und während der weibliche Teil unserer Familie sich über Büstenhalter, Jogginghose und Kochbuch freut, schließlich ist Weihnachten, beschließen wir zwei noch einen zu trinken.

Auf diese Enttäuschung.

Und danach noch einen.

Das löst die seelische Verkrampfung und lockert die Zunge.

Schließlich weiß ich immer noch nicht, wie Kilkenny aussieht.

Aber ich kanns mir schon beinahe vorstellen.

Noch ein Whiskey, und ich sehe dass Stadtbild ganz klar vor mir.

Klein, eine durchgehende Hauptstraße, diese gewunden, die Brücke amFluss überquerend, dann leicht bergauf ziehend und dann links der große Parkplatz am Castle.

Und gegenüber der Eingang zu dieser gewaltigen Normannenburg, die seit 1391 der Familiensitz der Ormonds ist.

Ein mittelalterlicher Bau im – ich vermute mal, denn gesehen habe ich ihn ja noch nicht- Tudor Stil.

Grau, mächtig, zig Schornsteine und natürlich Eintritt kostend.

Umgeben von einem gewaltigen Park, dessen Größe mit deutschen Augen kaum vorstellbar ist, leicht wellig ansteigend, grasgrün, ohne ein Unkräutchen im englischen Rasen, nur der Randbereich mit Wald umstanden.

Und für alle betretbar.

Dieser Rasen.

Aber sag nie wieder >englisch< zu ihm.

Das hört man in Irland nicht gerne.

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Wahnsinn – mit meinem Rasenmäher würde ich das nie schaffen

Tja, so ein Städtchen kann man sich leicht vorstellen, wenn man es aus authentischem Mund geschildert bekommt, immerhin hat Sean hier die ersten 20 Jahre seines Lebens verbracht, hier seinen ersten Whiskey getrunken.

Apropo Whiskey.

Bevor meine Vorstellungskraft nachlässt, sollte ich mir noch einen genehmigen.

Dann kriechen wir unter dem Weihnachtsbaum hervor (symbolisch) und setzen uns zu unserem  berühmten Nudelsalat mit Würstchen rund um den Tisch.

In Irland wäre er jetzt zu Rocco gefahren, wo es die besten Fish and Chips gibt, unvergleichlich, aber in Karlsruhe leider nicht machbar.

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Black and amber- ein tolles Heimatgefühl

Ja, so muss man sich in der Fremde fühlen.

Schrecklich.

Wir sollten noch einen dieses milden Whiskey’s trinken.

Ich weiß gar nicht, warum meine Tochter plötzlich ihren irischen Lebensgefährten so schmollend anschaut?

Das wird doch nicht zur Bescherung gehören?

Das Bier aus Kilkenny schmeckt wirklich irisch, man schmeckt die irische gute Landluft deutlich heraus, und vor allem das Verlangen nach mehr.

Kein junger irischer Mann und kein unverheiratetes irisches Fräulein würde jetzt im Kreis der Familie sitzen.

Jetzt ginge in Kilkenny die Post ab.

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Lasst die girls und die boys rein

Jeder Pub hätte geöffnet, die Türen stünden weit offen (warum denke ich jetzt an das Adventslied <Macht hoch die Tür die Tor macht weit?> ), typische irische Musik würde über die Straßen schallen und eine der besten Gelegenheiten, die Frau oder den Mann seines/ihres Lebens kennenzulernen, würde jetzt in der heiligen Nacht beginnen.

Brautschau auf irisch.

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Black and amber

Ja, damit können wir in Karlsruhe leider nicht dienen.

Obwohl auch meine Kinder sich, in einem bestimmten Alter, am Heiligen Abend so gegen 11 Uhr  von uns verabschiedeten und bis in den frühen Morgen in irgendeiner Disco versumpften.

Komisches Weihnachten, von wegen Stille und Beschaulichkeit.

Kilkenny sei ein betriebsames kleines Städtchen, die Hälfte aller Häuser entlang der Hauptstraße Pubs und jeder Einwohner total Hurling-verliebt.

Eher besessen.

Zig mal im Endspiel gestanden und die Massen begeistert, wenn es in Dublin im großen Hurlingstadion vor 80 000 Zuschauern um die Ehre eines irischen Meisters im Hurling spielte.

Wir Deutsche glauben immer, die Iren seien ein fußballbegeistertes Völkchen, aber das trifft nicht zu.

Das Herz eines jeden Kilkenniers schlägt für Hurling.

Und für einen ordentlichen Whiskey.

Prost.

Zurück unter den Baum.

Symbolisch natürlich.

Aber der Sache müssen wir nachgehen.

Wie kann man ein solch romantisches Städtchen in diesem Bildband vergessen?

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Auf mein Dach kommt mir keine Burgerreklame

Wie lautet doch der Text zu den Fotos auf dem schützenden Einband?

………….übermitteln den unvergleichlichen Charme der grünen Insel. Sie zeigen eine Kulturlandschaft, die mit eindrucksvollen Zeugnissen der Vergangenheit und der einmaligen Schönheit der Natur überwältigt. Endlos grüne Ebenen wechseln sich ab mit zerklüfteten Küsten und wilden Gebirgslandschaften, Torfmoore mit kilometerlangen Sandstränden, Gräber aus der Steinzeit mit der mittelalterlichen Klosterkultur. Die Zeit scheint in Irland stillzustehen, und wer das Ursprüngliche sucht, erlebt es auf jeder Seite dieses Buches.

Nur  Kilkenny findet er in diesem Buch eben nicht.

Unverzeihlich, denn kein Text hätte besser zu dieser Stadt gepasst, als der auf diesem Schutzumschlag.

Komm, wir trinken noch einen.

Und werden nächstes Jahr uns mal persönlich in diesem Städtchen, dem Geburtsort des Sean Treacy  wohnhaft in Karlsruhe ( Baden), umsehen.

Versprochen.

Darauf trinken wir!


Im September des Jahres 2014 besuchten wir zum ersten Mal, einige Tage gemeinsam mit Sean, das reizende Städtchen Kilkenny. Anschließend erforschten wir den Westen der Insel. Auf unserer 12 tägigen Reise schien für uns unentwegt die Sonne. Ehrlich!

2 Gedanken zu “K wie Kilkenny

  1. Nett ist Eure Beschreibung, doch auch uns wurde leider auf unserer (ersten und letzten) Gruppenreise Kilkenny vorenthalten – dabei haben wir und so auf´s Bier gefreut! Letzte Gruppenreise deswegen, weil man sich nicht aussuchen kann, wo man gern mal länger verweilen möchte. Haben trotzdem ne Menge gesehen und erlebt und sind begeistert von dem Land und den Leuten – sagt das Eurem Sean! Und auch wir hatten während der 10 Tage fast nur schönes Wetter!
    Jetzt werden erst mal die Bilder sortiert – wird ein Stück Arbeit.

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    1. Hallo, ihr neuen Irlandfans. Leider lassen sich halt in der kurzen Urlaubszeit nicht alle Sehenswürdigkeiten dieses landes sehen. Und, das habt ihr nun leider auch bemerkt, eine Gruppenreise ist immer ein Kompromiss. Unsere letzte Reise auf diese Art führte uns nach Usbekistan, man kann leider nur als Gruppe einreisen, und war eine einzige Hetzerei. Das machen wir auch nicht mehr. Schaut euch noch meine anderen Berichte über Irland an, vielleicht ist was dabei für eure nächste Irlandfahrt. Auskünfte über Besonderes könnt ihr gerne anfordern. Mein Blog bietet ja nicht viele Reiseinformationen, er soll ja mehr meine Bilder kommentieren.Also, Spaß beim agugge.

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