Teneriffa (1): Humboldt’s Woche auf Teneriffa

……vielleicht heißen die Kanarischen Inseln deshalb schon in der Antike  die “ Inseln der Glückseligen“……

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Büste im Sitio Litre

„Ich kenne ihn so lange, und doch bin ich von neuem über ihn in Erstaunen.

Er hat an Kenntnissen und lebendigem Wissen nicht seinesgleichen und eine Vielseitigkeit, wie sie mir noch nicht vorgekommen ist!

Wohin man rührt, er ist überall zuhause und überschüttet uns mit geistigen Schätzen.

Er gleicht einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht, und wo es uns immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt.“

Also, Kinder, besser hätte ich mich selbst auch nicht charakterisieren können.

Endlich mal jemand, der mich kennt.

Der meine Blogbeiträge gelesen und geschätzt hat.

Und der sie nicht mehr missen möchte.

Ja, das ist natürlich ein hoher Anspruch, dem ich da in nächster Zeit entsprechen muss.

Ich werde mich anstrengen müssen.

Wem diese Worte in Wirklichkeit galten, der musste sich (anscheinend) nicht besonders anstrengen.

Er sprach mal kurz beim spanischen König vor.

  Anschließend hatte er die großzügige Erlaubnis in der Tasche, sich frei unter dem Schutz der Krone in den überseeischen Besitzungen Spaniens bewegen zu dürfen.

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Küstenverlauf des Anaga-Gebirgszuges

Kaum dreißigjährig verlässt er nach der Ausstellung von gleich zwei Reisepässen sofort mit der Fregatte „Pizarro“ den Hafen La Coruna, um eine der berühmtesten Reisen, die die Annalen der Wissenschaftsgeschichte verzeichnen, anzutreten.

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Fregatte Pizarro

Zwischen 1799 und 1804 bereiste er das Gebiet der heutigen Staaten Venzuela, Cuba, Kolumbien, Ecuador, Peru und Mexiko.

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Tropenfeeling

Es wurde die Reise seines Lebens, eines neuen Lebens.

Sie machte ihn weltberühmt, versetzte ihn in einen lang anhaltenden Glückszustand.

Die Rede ist von Alexander von Humboldt.

Wer ihn so beschrieben hat, war kein geringerer als Goethe.

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Castillo de San Felipe:   Ihr traut euch nicht?      Feige Engländer!

Zuerst musste er sich mit der Fregatte “ Pizarro “ vor den kriegerisch gesinnten Engländern nach Teneriffa schleichen, immer in der Gefahr, von den Herren der Weltmeere aufgebracht zu werden.

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Sturmfahne bei Puerto de la Cruz, dem alten Orotava, mit Blick auf die Hotels in La Paz

Allein das Ansteuern des Hafens von Santa Cruz war ein Wagnis, waren doch Seekarten dieses Gebiets zu dieser Zeit viel zu ungenau.

Wie schnell ist man mit den schwerfälligen Seglern an die Küste geschleudert oder auf ein Riff aufgelaufen.

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Mit dem Segelschiff  – ein gefährliches Abenteuer

Insofern hatte ich es als Pauschaltourist mit Airberlin natürlich recht einfach.

Köfferchen gepackt, Ticket bezahlt und Fotoapparat mit Notizblock im Rucksack verstaut, denn  nach dem Ende meiner Reisen möchte ich mich noch halbwegs  an die Städtenamen erinnern, an die Namen der Bergzüge oder Berggipfel, an Pflanzennamen.

Ein neues Leben, nur weil ich mal schnell mit Airberlin nach Teneriffa fliege und dort eine Woche verbringe, nein, so etwas ist mir nicht vergönnt.

Eine Woche auf Teneriffa und ein ganzes Leben lang ein Glücksgefühl?

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Baden im Meer- oh du Unglücklicher

Bei Humboldt hat das genau so geklappt.

Ich glaube aber nur bei Humboldt.

Der Massentourismus hält sich an der Orotava-Küste allerdings in Grenzen.

Wir waren bei unseren Wanderungen rund um den Teide meist alleine.

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Drachenbaum in Santa Cruz

Nicht ganz alleine, sondern in einer kleinen Gruppe reiste Humboldt von Santa Cruz aus  über Laguna, Matanza, Victoria und Orotava nach Orotava Hafen, dem heutigen Puerto de la Cruz.

Unglaublich: Eine Woche auf Teneriffa und auf ewig glücklich.

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Zum Glück gehört die perfekte Welle

Vielleicht heißen die Kanarischen Inseln deshalb schon in der Antike  die “ Inseln der Glückseligen“.

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Paradiesrelief im Botanischen Garten von Puerto de la Cruz – und wo sind die Männer?

Glückselig hatte er seine eine Woche auf Teneriffa wohl geplant, er wollte mal  schnell den Teide  besteigen.

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Pic de Teide 3718 Meter über NN

Mal schnell ein paar Höhenmessungen durchführen, mal schnell…..

Merken Sie etwas?

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Nicht alle Zeitgenossen haben Sorge, sie könnten etwas verpassen

Das war 1799 und dem lieben Humboldt ging es damals genauso wie manchem Reisegenossen heute.

Mal schnell dies, mal schnell das.

Möglichst viel in kurzer Zeit.

Er hat in seinen Reisebeschreibungen das bei sich selbst so diagnostiziert:

<Gerne hätten wir einige Zeit in Cologans Hause verweilt und mit ihm die Umgebung von Orotava, die herrlichen Punkte San Juan de la Rambla und Realejo de Abajo besucht. Aber auf einer Reise wie die, welche ich angetreten, kommt man selten dazu, der Gegenwart zu genießen. Die quälende Besorgnis, nicht ausführen zu können, was man am anderen Tage vorhat, erhält einen in beständiger Unruhe.>

Ich verstehe diese Unruhe nur zu gut, erfuhr ich sie doch am eigenen Leibe, als ich durch meine Vorplanungen wusste, dass diese Insel für eine Woche Urlaub viel zu groß und zu vielseitig ist.

Wollten wir doch nicht nur am Hotelpool rum hängen, das war nicht so unser Ding, aber die ganze Insel kennenlernen war unmöglich.

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Hotelpool – im Hintergrund das Meeresschwimmbecken Martianez

 Wir hatten das preisgünstigste Hotel in Puerto de la Cruz mit Beinahe-Allinclusiv gebucht, waren den ganzen Tag unterwegs, meist mit irgendeiner Inselbuslinie und brauchten daher abends nur die nötigen Kalorien und eine Schlafstätte für unsere heißgelaufenen Füße.

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Der Hafen La Caleta – die großen Segler blieben draußen auf Reede

Humboldt verbrachte ebenfalls nur eine Woche im Juni 1799 , wie ich 210 Jahre später, mit einem Rundum- Sorglos -Reisepaket auf dieser Insel ausgestattet, wie sich seine Füße abends anfühlten, davon berichtet er in seinem Werk  <Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents> nicht.

Er machte sich sicher keine Sorgen über ein mögliches Scheitern seiner Reise, denn die Dokumente des spanischen Königs öffneten ihm die Häuser der wichtigen Personen Teneriffas.

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Historisches Kaufmannshaus -mit Ausguck in alle vier Himmelsrichtungen.

Man sprach damals noch nicht von einer Reisebuchung mit All Inclusiv, aber nach meinem Studium seiner Reiseerinnerungen ging es ihm an den meisten Flecken seiner Reisen so:

Kostenlose Speise, kostenfreie Übernachtung, glänzende Unterhaltung mit den Frauen des Hauses Cologan und Valois, entgeltfreie Reiseführer für ihn, der als brillianter Reiseerlebnis-Erzähler von allen bewundert wurde.

Allinclusiv halt.

Und dabei war er gerade mal 30 Jahre alt.

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Landhaus La Paz-erbaut von dem irischen Kaufmann Walsh/Valois, dann übergegangen auf die Familie Cologan

In Puerto de la Cruz lebte Humboldt bei dem irischen Kaufmann John Mc-Colgan, wo vor ihm schon die großen englischen Entdecker Cook, Banks und Macartney auf ihrem Inselstop unterkamen.

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Im Westen das Ziel: Westindien

Das Haus Cologan ist irischen Ursprungs.

In den Kriegswirren Mitte des 17.Jahrhunderts verließen die McColgan’s die irische Insel und siedelten sich in Teneriffa unter einem neuen Namen „Cologan“ an.

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Wohnsitz der Cologan’s – heute Hotel „Marquesa“ in der Calle Quintana

Der Wohnsitz lag in der Nähe des Kirchplatzes und als diese Familie durch Heirat mit den irischen Walsh’s zu großem Reichtum gekommen waren, verkauften sie es.

Man wollte sich vergrößern.

Das „Häuschen“ wurde bereits in den 20er Jahren des 19.Jahrhunderts zum Hotel umgebaut, steht heute noch und trägt den Hotelnamen “ Marquesa“.

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Kein Vergleich mit unserem Touri-Bunker

1983 wurde es renoviert, Architektur und der Innenhof blieben erhalten.

Natürlich behielten auch die Walsh’s nicht ihren irischen Familiennamen, auch sie wechselten ihn in die Landessprache und nannten sich fortan Valois.

Das sind also die beiden wichtigsten Vertreter der reichen Kaufleute von Teneriffa, Cologan und Valois, ehemals auf der Irischen Insel zu Hause und natürlich mit den besten Geschäftsbeziehungen zu den Britischen Inseln ausgestattet.

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Historische Zoll- und Hafenbehörde

Vor allem der Weinanbau des Malvasier machte sie reich, ein Süßwein, nachdem die englischen Ladys geradezu verrückt waren.

So viel mal zum Reichtum.

Auch Alexander von Humboldt plagten keine Geldsorgen, hatte er sich doch sein elterliches Erbe von seinem Bruder ausbezahlen lassen und auf das Schlößchen und den Grundbesitz in Berlin-Tegel verzichtet.

Für uns war die Insel spottbillig mit dem öffentlichen Bus bis in den hintersten Winkel zu erkunden.

Du kommst an jeden Flecken der Insel, wenn du dir genügend Zeit nimmst.

Ein Mietwagen war also nicht nötig, um eine erlebnisreiche Woche zu genießen.

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Kiefernwald bei Aquamansa mit der Felswand „Los Organos“

Humboldt muss seine Woche ebenso genossen haben und vor allem in dieser kurzen Zeit zu Erkenntnissen gelangt sein, die die Grundlagen für seine fünfjährigen Studien in „Westindien“ bildeten.

Teneriffa war also nicht etwa ein Verlegenheitsstopp auf einer weiten Reise, nein, hier hatte er die dritte Dimension der Landschaft, die Meereshöhe und ihre Auswirkung auf die Pflanzenwelt entdeckt und sie auf allen weiteren Reisezielen in der „Neuen Welt“ verifiziert.

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Irgendwo im Nebelwald

Die enorme Bedeutung der Höhenstufen, mit Blick auf die verschiedenartigsten Phänomene der Natur  wie der Kultur, hielt er in unzähligen Schriften und Zeichnungen fest.

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Die Passatwinde bringen Nebelschwaden

Vor allem die Besteigung des Inselvulkans Teide führte zu Erkenntnissen, die er auf all seinen vielen Vulkanbesteigungen in der Neuen Welt überprüfte und festhielt.

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Bauen am Barranco – das Bauordnungsamt hat nichts dagegen

Dieser Pic de Teide hinterließ auf seiner Retina ( Netzhaut des Auges)“ beständige wissenschaftlich begründbare Nachbilder „, wie ein deutscher Autor über ihn schrieb.

In meiner Woche habe ich – leider – den Teide nicht ein einziges Mal von der Küstenebene aus sehen können, er hüllte sich in Wolken, die die Passatwinde unaufhörlich herbei wehten.

Ich musste ihm also entgegen fahren, ich musste über die Wolken kommen, um einen Blick auf diesen 3718 Meter hohen Vulkanriesen werfen zu können.

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Auf dem Weg zum Gipfel – wo ist er denn jetzt?

Das ging relativ einfach in einer knapp dreistündigen Busfahrt von Puerto aus.

Morgens am Busbahnhof fahren hier die Busse in alle Richtungen ab.

Alexander von Humboldt legte diese Strecke  von Orotava Hafen zum Gipfel des Teide zu Fuß zurück. Das ist schon einmal heller Wahnsinn.

Ohne Karte, mit Führern, die nur vorgaben, dort schon einmal gewesen zu sein, die zudem seine gesammelten Gesteinsproben und Pflanzen als bedeutungslos empfanden und sabotierend wegwarfen, erklomm er den Gipfel und machte sich unverzüglich wieder auf den Rückmarsch.

Er hatte ja nur wenig Zeit, wollte er den Segler nach Westindien nicht verpassen und der würde garantiert nicht auf ihn warten.

Nach seiner Rückkehr im Hafen Orotava, dem heutigen Puerto de la Cruz, konnte er als Erster genau angeben, wie lange man braucht, um von Orotava Hafen ausgehend in den Krater diese Vulkans schauen zu können:

Genau 21 Stunden für den Hin- und Rückweg .

Natürlich reine Laufzeit.

Wobei er allerdings vergaß den Weg, seinen Weg, genauer zu beschreiben.

Keiner weiß heute genau, wie er auf den Berg kam.

Alles Vermutungen.

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Rostrotbrauner erkalteter Lavastrom und weiß wie Schnee, der Bimsstein an der Bergflanke

Alexander von Humboldt wurde 90 Jahre alt, ein viele tausend Stunden währendes  Glück, aber diese 21 Stunden Laufzeit auf den Pic de Teide bestimmten sein gesamtes Forscherleben.

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Gipfelsicht

Alexander von Humboldt.

Der größte Gelehrte des Jahrhunderts.

Begründer der allgemeinen Physik des Erdballs.

Welch ein Mann!

Zu seinen Ehren wird das neu erbaute Alte Schloss von Berlin unter dem Namen “ Humboldt-Forum“ Gäste aus der ganzen Welt begrüßen.


Meine Recherchen stützen sich auf das Buch von Alfred Gebauer: Alexander von Humboldt

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