Blaue Reise I

………….für mich auf dem Notsitz, eingeklemmt in Rucksäcke und Reisetaschen………

In einer Wochenzeitung las ich dieser Tage die Fragen an junge Erwachsene, wohin sie die erste eigenständig geplante und durchgeführte Urlaubsreise ihres Lebens unternommen hätten.

Tja, da kann man schwarz vor Neid werden, aber die Zeiten sind halt anspruchloser geworden.

Ja, in meinen Augen anspruchloser.

Mal mir nichts, dir nichts, eine Kreuzfahrt durchs östliche Mittelmeer.

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Nach dem Abitur mit dem Flieger ins Spielerparadies nach Las Vegas.

Man gönnt sich ja sonst nichts.

Nach dem Streß der letzten Prüfung für 1 Woche nach Mallorca.

Toll, wäre mir wahrscheinlich auch eingefallen, wenn all meine Freunde diese Idee gehabt hätten.

Und wenn Geld keine Rolle gespielt hätte, wäre ich gerne auch für 4 Wochen nach Neuseeland gepilgert, um die Zeit zwischen zwei Semestern sinnvoll zu verbringen.

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Aber leider hatte ich keine Freunde, leider – oder gottseidank – war damals, als ich so um die Zwanzig war, fliegen nur etwas für elitäre Kreise.

Leider konnte ich mir kein eigenes Auto leisten.

Und was bitte schön war ein Kreuzfahrtschiff?

Im Sommer des Jahres 1966 hatte ich meine Lehre erfolgreich beendet.

Im letzten Jahr meiner Lehrzeit bekam ich 60 Mark im Monat als Ausbildungsvergütung, war gerade 18 Jahre alt geworden und hatte die Studienzusage nach Karlsruhe bereits in der Tasche.

Allerdings hatte ich noch vor, bis zum Studienbeginn, weiter zu arbeiten und zudem hatte ich noch einen 14 tägigen Resturlaub.

Blaue Reise 277

Meine Mutter fiel aus allen Wolken, als ich eines Abends anfing einen kleinen Rucksack zu packen, meinen Fotoapparat mit Film zu bestücken und ihr eigentlich lapidar mitteilte, dass ich nach Schweden trampen wollte.

Das war damals die preisgünstigste Variante des Reisens und zudem hatte ich 150 Mark gespart.

Das musste reichen, wenn man Besitzer eines europäischen Jugendherbergausweises war.

Allerdings war ich in meinem jugendlichen Alter damals noch nicht erwachsen, brauchte also eine Reise-Erlaubnis meiner Eltern.

Mama sah das ein, dass ihr Bub in die weite Welt wollte.

Papa war auf Montage und interessierte sich nicht besonders für die geplanten Abenteuer seines Sohnes im hohen Norden.

Ich musste versprechen, regelmäßig eine Postkarte nach Hause zu schicken.

Und schon stand ich am nächsten Morgen im olivgrünen Parka am Straßenrand mit erhobenem Daumen.

Nicht, dass ich darin etwa  Erfahrungen gehabt hätte, aber alles klappte wunderbar, so dass ich schon am selben Abend in der Jugendherberge in Detmold übernachtete und den ersten Reisebericht per Telefon an meine Mutter übermittelte.

Eigentlich wollte ich das jeden Abend versprochenermaßen machen.

Aber 1966 telefonierte man noch meist aus einer Telefonzelle heraus und wie sollte das im Ausland gehen?

Na ja, der Wille war vorhanden.

Blaue Reise 131

Als Orientierungshilfe hatte ich eine großmaßstäbige Landkarte von Europa im Rucksack und, wenn ich die Grenzen zu Schweden überquert hätte, würde mir eine herausgerissene Seite aus dem Schulatlas weiterhelfen.

Nein, das waren meine Sorgen nicht.

Nach Norden konnte man sich auch ohne Kompass orientieren.

Navigieren würde mir zudem durch meinen erlernten Beruf leicht fallen.

Glaubte ich zumindest und voll Zuvertrauen in meine Fähigkeiten landete ich bereits am zweiten Tramptag in Gedser an der Fähre nach Rödby in Dänemark.

Hatte nur 3 Mark für die erste Übernachtung bezahlt.

Und ernährte mich von einer Packung Kekse, die in meinem Rucksack so vor sich hin krümelten.

Und dann schlug das Schicksal gnadenlos zu.

Ich lernte Barbara kennen.

An der Fähre im Hafen von Gedser.

Am Fahrplanaushang.

Barbara.

Sie war Amerikanerin.

War mit ihrer Freundin Genoveva unterwegs in Europa,.

Fuhr einen gelben, zweisitzigen Sunbeam Sportwagen mit Stoffverdeck.

Und war – und ist es heute noch – stinkreich, was ich damals aber noch nicht wusste oder ahnte.

She was so nice and I’m so happy.

Und sie wollte nach Kopenhagen.

Da wollte ich eigentlich nicht hin.

Aber, wie gesagt, she was so nice.

Und ich glaubte da eine gewisse Zuneigung zu mir zu verspüren.

Blaue Reise 232

Nun, es endete – oder begann es erst ? – für mich auf dem Notsitz des Sunbeams.

Eingeklemmt in Rucksäcke und Reisetaschen auf der Fahrt nach Kopenhagen.

Da konnte ich mich doch schlecht aus dem Staub machen.

Mich auf den Weg zur billigen Jugendherberge machen.

Neee, das war undenkbar.

Zudem hatte ich ja noch 140 Mark, die sich in Kronen umtauschen ließen.

Nun, ich will nicht alles verraten, aber nach 5 Tagen Kopenhagen, mit Barbara und Genoveva im Gefolge, als Kavalier der alten Schule, war mein Geld so gut wie aufgebraucht.

Ich habe ihr das nie erzählt, dass unser Miteinander mich finanziell ruiniert hatte.

Dass ich leider nicht mehr Zeit hätte, log ich ihr charmant vor.

Dass ich mich als gewissenhafter Deutscher der wartenden  Arbeit nicht entziehen könnte, war die einzig glaubhafte Entschuldigung für meine überstürzte Rückreise.

Ich sah wohl ihre traurigen Augen, aber bis die herausfinden würden, dass ich ein armer Schlucker war, war es besser, das Arbeitspflichtbewusstsein eines gerade erst examinierten Technikers vorzugaukeln.

Hätte ich gewusst, dass nicht sie, sondern ihr Vater steinreich war und sie als seine einzige Tochter Europa und die Welt kennenlernen durfte, ich weiß nicht, ob ich sie vielleicht angepumpt hätte.

Eher nicht.

He, damals hatte ich noch einen Stolz.

Abschiednehmen fiel mir nur äußerlich nicht schwer.

Aber die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen überwog, hatte sie mir doch ihre Adresse gegeben.

Und ihre Telefonnummer.

Wenn ich ein bisschen sparen würde, könnte ich sie ja mal zu Hause besuchen.

In den nächsten Jahren.

In Norwich, Conneticut. USA.

Also ab an den Straßenrand und Daumen raus Richtung Süden.

Wollte ich eigentlich nicht nach Schweden?

Nee, das würde dieses Jahr nichts mehr werden.

Aber ich hatte ja noch einige Jahre vor mir.

Ich schaffte es wieder bis in den Hafen von Rödby.

Wartete auf die Fähre.

Und dann schlug wieder das Schicksal zu.

Sah ich schon so abgemagert aus?

Etwa verwahrlost?

Auf jeden Fall irgendwie unbemuttert!

Wieder sprach mich ein weibliches Geschlecht an.

Sie war deutlich älter als Barbara, und die war schon 7 Jahre älter als ich, und war Reiseteilnehmerin einer Busreise.

Ihr glaubt es nicht.

Sie fuhren zurück nach Karlsruhe, meinem zukünftigen Studienplatz.

Hatten im Bus noch freie Plätze.

Und der Busfahrer hatte gegen meine Mitreise nichts einzuwenden.

Ja, das waren halt Zeiten.

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Das war mein erstes Reiseabenteuer und bereits mein nächstes, das wusste ich aber damals noch nicht, würde mich in den ersten Semesterferien meines Lebens nach Norwegen, Schweden und Finnland führen.

Mit dem Daumen raus immer Richtung Norden.

Und dort, kurz hinter dem Polarkreis, würde ich Eeva-Karina kennenlernen.

Und von dort aus würde ich regelmäßig Postkarten nach Hause schicken.

Und auch einmal telegraphisch von Mama mehr Geld anfordern.

Auch im tiefsten finnischen Urwald würde es irgendwo an der Sandstraße einen Briefkasten geben.

Aber, wie gesagt, erst im nächsten Jahr.

Von meiner geplanten Reise nach Schweden, die bereits in Kopenhagen endete, erhielt meine Mutter keinen einzigen Gruß.

Keine Ansichtskarte von der kleinen Meerjungfrau.

Keine Nachtaufnahme vom Tivoli.

Sie war 10 Tage in großer Sorge um ihren Sohn.

Aber dass daran eine Barbara schuld war, konnte ich ihr nicht erzählen.

Für Mama war ich doch noch ihr Bubele.


Von dieser Reise hat kein Erinnerungsfoto die letzten 50 Jahre überlebt, aber da dieser orientierungslose Trip in der heutigen Zeit einer „Blauen Reise“ gleichkommen würde, stammen die Bilder von einer so genannten Reise in die Südtürkei.

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