Ein Gespräch über Bäume

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Nein, das ist keine Müllkippe.

Das sieht nur so aus.

Für uns Europäer.

Und die Stofflappen am Stamm dieses Baumes sind nicht die Reste einer illegalen Entsorgungsaktion einer Textilfabrik.

Nein, das sieht nur so aus.

Bangkok2007_Ayutaya 059In Thailand findet man überall solche Plätze.

Und irgendwo in der Nähe ist ein Tempel.

Oder ein Buddha.

Vielleicht sogar ein liegender Buddha.

So etwa 30 Meter lang und drei, vier Meter hoch.

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Bangkok2007_Ayutaya 065Und direkt davor ein Busparkplatz.

Also mal schnell aussteigen und schauen, was es da gibt.

Und dann ist man als Europäer entsetzt.

Wie kann man einen solch besichtigungswerten Ort so entsetzlich verkommen lassen?

Wir müssen uns allerdings vorstellen, dass jeder gläubige Thai diesem Baum ein Stoffband mitbringt und es um dessen Stamm schlingt.

Und dann nebenan eine kleine Mahlzeit spendet.

Eine Flasche Cola vielleicht oder eine Tüte Pommesfrites vom fahrenden Händler.

Was man halt so grad bei sich hat oder schnell organisieren kann.

Und das lässt man dann da.

Und das gibt im Laufe der Zeit einen Mordshaufen.

Aber wie gesagt kein Abfallhaufen, sondern ein Opfergabenhaufen

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Was sind wir Deutsche da doch völlig anders.

Auch wir verehren die Bäume.

Auch wir versuchen sie in ein noch besseres Licht zu setzen.

Niemand soll mehr unbeachtet an dieser Trauerweide vorüber schleichen.

AgfaPhotoHe du, guck mal mich an. Bin ich nicht fein herausgeputzt?

Eingekleidet von mindestens 10 fleißigen Strickhänden.

Oder waren es vielleicht die Schüler einer naheliegenden Schule, die sich im Häkeln geübt haben?

Ja, welcher Lehrer traut sich noch am Elternabend das Häkeln eines Topflappens vor den versammelten Eltern zu verteidigen?

Nein, diesem Stress setzt sich keine Lehrerin mehr aus.

Topflappen häkeln, pfui.

Wir häkeln Läppchen und die versammelten Muttis verbringen dann einen Samstagnachmittag mit dem Einkleiden eines Baumes.

Sie haben Kaffee und Kuchen mitgebracht.

Und die Papas!!

Die Papas klettern hoch.

Echte Helden.

Vielleicht trinken sie nach der Kletterei zusammen ein Bier.

Obwohl, es sind ja wahrscheinlich auch ein paar Kinder mit von der Partie.

Das wäre politisch nicht korrekt, in ihrem Beisein alkoholische Getränke zu sich zu nehmen.

Alle sind aktiv, damit die Trauerweide etwas zum Schmunzeln hat.

Das ist für diesen Baum eine Ehre.

Trauerweide wird zur Schmunzelweide.

Ein Bericht in der örtlichen Presse mit Bild und Text.

Super.

Eine Klasse Aktion.

Wortwörtlich zu nehmen.

Ja, so muss es gewesen sein.

Aber irgendwie komme ich mir jetzt als Textverfasser beschissen vor.

Ich schreibe über Bäume.

Und habe gestern im Fernsehen gehört, dass im Mittelmeer mal wieder 300 Flüchtlinge ertrunken sind.

Dass in der Ukraine gnadenlos auf einander geschossen wird.

Eine Horde wildgewordener Sadisten wehrlose Christen kreuzigt oder köpft.

Und ich schreibe über Bäume.

Nach Bert Brecht ist das bereits ein Verbrechen.

In seiner Ode “ An die Nachgeborenen“ sind die Zeilen zu finden:

Was sind das für Zeiten, wo

Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.

Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Der dort ruhig über die Straße geht

Ist wohl nicht mehr zu erreichen für seine Freunde

Die in Not sind ?

 

Eine Trauerweide bleibt eine Trauerweide!


Aus: Bertolt Brecht /  An die Nachgeborenen


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