Hunger nach Wissen-ein foto“armer“ Essay

...seine geliebten Wildwestbücher aus, in denen auch ich mich in den weiten Ebenen der Great Plains verirrte, in denen ich den Colt genauso schnell zog wie Wyatt Earp oder Billy the Kid und natürlich gegen Indianer kämpfte…

Weihnachten 1954

Jugendbilder 001a

Wenn ich heute dieses Jahr rückwirkend betrachte, glaube ich mich in ein dunkles, geradezu frühmittelalterliches „Zeitalter des  Nichtwissens“ versetzt.

Wir zählten nicht zu den Bildungsbürgern, mein Vater war Monteur und meine Mutter Hausfrau und unseren Bücherbestand konnte man an zwei Händen abzählen.

Vater lieh sich wohl manchmal übers Wochenende in einem Tabakwarenladen, dessen Besitzer im Hinterzimmer eine private Bücherei eingerichtet hatte, seine geliebten Wildwestbücher aus, in denen auch ich mich in den weiten Ebenen der Great Plains verirrte, in denen ich den Colt genauso schnell zog wie Wyatt Earp oder Billy the Kid und natürlich gegen Indianer kämpfte.

Damit wir nicht aus Versehen – das Ausleihen kostete für eine Woche immerhin 20 Pfennig – ein Buch doppelt lesen würden, bekam jeder Band auf die Rückseite im Innendeckel einen Vermerk, besser gesagt ein Geheimzeichen.

Unser Merkmal war ein Notenschlüssel und ohne jegliche musikalische Ausbildung beherrschte auch ich bald unser Bibliotheks-Familien-Kennzeichen.

An Hand der Menge anderer eingetragener Benutzungszeichen konnte man bei der Auswahl eines neuen Buches so auf die Beliebtheit und indirekt auf einen spannenden Verlauf beim Schmöckern schließen.

Das waren meine ersten Begegnungen mit Büchern und ich war so etwa 12 Jahre alt und das Verschlingen dieser Wildwesthandlungen brachte mir so ganz nebenbei eine Mords-Lesegeschwindigkeit ein.

50, 60 Seiten in zwei Stunden.

Allerdings hatte das zur Folge, dass mein Vater samstags für eine ganze Mark Bücher ausleihen musste, wenn er nicht wollte, dass sein lesegieriger Sohn nichts mehr zu verschlingen hatte.

Jedenfalls war bei meinen Eltern die Erkenntnis geweckt, dass ich nicht nur Essen und Trinken für den Magen, sondern auch etwas für den Geist brauchte.

Durch Geburtstag und Ostern sammelte sich bei mir die unermessliche Zahl von drei Büchern an, die auch heute noch in meinem Bücherschrank stehen und auf irgendeine Art mein Leben mitgestalteten.

„Robinson Crusoe“, nicht nur zum Lesen, sondern dank der darin enthalten Schwarz-weiß Radierungen für mich damals geradezu ein Hollywood-Story-Board, der mich mit dem Buchhelden auf der einsamen Insel ebenso stranden und auf Rettung hoffen ließ.

Deshalb schaue ich heute im Fernsehen, wenn meine Frau in der Küche die Weihnachtsplätzchen backt und auf Grund der großen Distanz nichts davon mitbekommt, besonders gern den Sender Dmax mit seinen Beiträgen: „Allein überleben in der Wildnis“.

Ich aber könnte es besser, welch ein Quatsch, barfuss durch den Dschungel zu schleichen.

Zuerst macht man sich aus Zweigen und Gras ein paar Ersatzschuhe.

Das wusste ich schon 30 Jahre vor der Entdeckung des „Ötzi“, allein durch das Studium des Robinson.

„Rulaman“ kennt heute niemand mehr, nicht mal mehr die Bewohner der Schwäbischen Alb, wo dieser Junge, in der Jungsteinzeit in einer Höhle lebend, seine Abenteuer verbrachte.

Ein Lehrer aus dieser Gegend hatte sich dieses Steinzeitleben ausgedacht und für seine Schüler aufgeschrieben.

Und wieder mit Schwarz-weiß Radierungen bebildert.

Vor Jahren war der Einband so zerfleddert, dass ich das Buch zum Buchbinder brachte.

Und dann kam „Toyon“.

Der russische Autor Kalashnikov schildert darin, wie „Toyon“, ein Jagdhund, seiner Menschenfamilie in der russischen Taiga zu Ansehen und Reichtum verhilft.

Ein fantastisches Buch.

Wenn ich jemals ein Hundebesitzer geworden wäre, es wäre niemals ein Spitz oder gar ein Chihuahua gewesen, dann hätte mein Hund „Toyon“ geheißen.

Mein Durst nach Wissen war durch diese Bücher angestachelt, das Portmonnee meiner Eltern reichte aber nicht aus, um mich buchsatt zu kriegen.

Ja, wenn da nicht Weihnachten gewesen  und ich seit dem Jahr 1960 mit einer unterhaltsamen Wissenschaftslektüre beschenkt worden wäre.

Ich bekam die in rotem Leinen eingebundenen, etwa 500 Seiten dicken Wälzer, jeweils am 1. Weihnachtstag von unserer Vermieterin, die im gleichen Hause unter uns wohnte, geschenkt.

Sie war, aus auch heute noch nicht einsichtigen Gründen, meine Taufpatin.

Eine Taufpatin auf Distanz, die aber an Weihnachten durch eine Einladung in ihre Wohnung überbrückt wurde.

Als pensionierte Lehrerin hatte sie wohl die Notwendigkeit einer umfassenden Bildungsinitiative erkannt und plötzlich benötigte ich ein Bücherregal, konnte man doch die leinengebundenen Bücher nicht so einfach unter dem Bett liegen lassen.

Meine Mutter erlaubte mir im türbewehrten Schuhschrank, der auf dem Flur stand, einen kleinen Teil freizumachen und dort meinen Bildungsschatz aufzubewahren.

So sammelten sich in diesem Schränkchen in acht Jahren insgesamt 8 Bände des „Das Neue Universum“ an.

Und natürlich ein paar andere, die jedoch keinen solch nachhaltigen Eindruck bei mir hinterließen.

Soviel mal zu dem Thema Nachhaltigkeit.

In der Zwischenzeit sind weit über 50 Jahre ins Land gegangen und ich merke eigentlich erst heute, wie das Studium dieses Jahrbuchs über Forschung und Wissen mein ganzes weiteres Leben beeinflusste.

Von mir selbst wahrscheinlich nicht bewusst bemerkt und dennoch von den grauen Zellen registriert, denn eine Trennung von diesen Büchern kam nie in Frage.

Über Jahrzehnte hinweg haben die Themen dieses Buches mein Interesse gelenkt.

„Nicht schon wieder“ stöhnt heute meine Ehefrau, wenn ich, zum zigsten Male, die neuesten Erkenntnisse über die Errichtung der Pyramiden im Fernsehen verfolge, eine gewagte Ausgrabung im hintersten Winkel Chinas im Kanal flimmert oder ich den Weg des Urmenschen aus der Hitze Afrikas ins kalte Europa auf der Karte eines Autoatlas verfolge.

Das ist heute alles so einfach geworden, das Wissen folgt uns auf Schritt und Tritt und über die Fernsehprogramme zu schelten, tut nur der, der die 60er Jahre nicht am eigenen „Geist“ erleiden musste.


Von links:Vater, ich, meine Schwester Leonore, Mutter, meine Schwester Helgard und auf dem Boden sitzend mein Bruder Martin.

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