Aufs Paradies pfeifen!

Also, was ich mich immer frage, wenn ich dieses berühmte Paradiesbild des Lukas Cranach betrachte, auf dem Adam und Eva abgebildet sind, ob sie gerade einen Apfel aus der Bodenseeregion essen?

Vielleicht ist der Apfel aber auch aus dem Alten Land bei Hamburg, Deutschlands größte Apfelanbauregion.

Das weiß man leider bei diesem Gemälde nicht so genau.

Der gute Lukas musste aber doch ein Vorbild gehabt haben, als er sich für einen Apfel als die verbotene Frucht entschied.

Hatte er an einen Gravensteiner gedacht, an einen Brettacher, an eine Gewürzluike?

Ganz gewiss nicht an einen Golden Delicius.

Und irgendwie erschien ihm das Feigenblatt besonders geeignet, um die Blößen des Adams und der Eva zu verdecken.

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Aber Feigen wuchsen damals nicht im kalten Deutschland.

Woher wusste der Lukas wie ein Feigenblatt aussah?

Ja, diese Fragen beantwortet mir auch Wikipedia nicht.

Da muss ich mir selbst einen Reim drauf machen.

Das dachte ich auch vor einigen Jahren, als ich mit meiner Liebsten nichts ahnend durch einen Dschungelabschnitt im fernen Thailand ging und wir doch geradewegs über einen Strauch stolperten, der mit seinen mannshohen Blättern beinahe den Pfad blockierte.

Nun waren wir ja große Blätter gewohnt, steht doch  Zuhause, in unserem Garten, seit vielen Jahren solch ein Feigenbaum, dessen Blätter die Maler des Mittelalters als geeignet fanden, die Blöße des Adams und der Eva zu bedecken.

Aber diese Pflanze hätte er dafür nicht benutzen können.

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Er hätte damit ungeahnte Spekulationen in die Welt gesetzt und manchen Mann an seiner Männlichkeit verzweifeln lassen.

Welche Scherze man mit einer gewaltigen Blattform treiben kann, können Sie sich ja denken.

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Natürlich ist mir doch damals, im tropischen Regenwald, die Idee einer Verballhornung des biblischen Motivs gekommen.

Aber nur die Idee, den Mut dazu hatte ich damals nicht, zumal ich von blutgierigen Insekten umschwirrt war und freiwillig keinen Quadratzentimeter Haut freilegen wollte.

Das stell ich mir lieber nicht vor:

 Blutsaugende Insekten, die mich ins Paradies verfolgen?

Auf solch‘ ein Paradies ist gepfiffen!

Und nun verfolgt mich seit ein paar Tagen das Paradies schon wieder, nur weil ich mir in der Gemeindebibliothek ein Buch ausgeliehen habe.

Es heißt “ Tagebuch eines schlimmen Jahres “ und hat mich schon aus dem Regal heraus angesprochen.

Optisch natürlich nur.

Und der Titel?

Hat mir sehr zugesagt, obwohl das Jahr 2015 nur positive Eintragungen in meinem persönlichen Tagebuch aufweist.

Aber ich weiß, wie schnell sich so etwas ändern kann.

Und deshalb habe ich das Buch ausgeliehen.

Geschrieben hat es ein Herr Coetzee, J.M. mit Vornamen und Nobelpreisträger für Literatur, also kein unbeschriebenes Blatt.

Nun, nach fünftägiger Lesezeit versuche ich den Hauptgedanken dieses Werks zusammenzufassen.

Dass das Paradies darin eine Rolle spielt, haben Sie sicher schon geahnt und dass dann auch unser christlicher Glaube philosphisch hinterfragt wird, dürfen Sie sich von mir gesagt sein lassen.

Also: Er schreibt, dass nach unserem Tod unsere Seelen mit den Seelen unserer Lieben vereint werden.

Und das geschieht wo ?

Natürlich im Paradies!

Diese Ansicht kenne ich ja nun schon seit zig Jahren.

Wie lange Coetzee diese Behauptung schon kennt, weiß ich nicht.

Hat er sich schon Gedanken gemacht über die möglicherweise dadurch entstehenden Probleme ?

“ Wenn ich schon viermal verheiratet war, mit welcher Person werde ich nun nach meinem Tod vereint sein ?“

“ Kann man sich das heraussuchen?“

„Oder gibt es eine Zwangsvereinigung?“

„Und wenn deine letzte Frau schon einmal verheiratet war, was machst du dann, wenn deren Ex nun plötzlich auch im Paradies auftaucht?“

Also auf so ein Paradies könnte man pfeifen.

Soweit seine ersten Überlegungen.

Leicht verständlich.

Dann allerdings macht er es sich schwer.

Er befragt einen berühmten Theologen und dieser Wortgelehrte erklärt ihm, dass wir im Paradies eine andere Daseinsform hätten, die unser irdisches ICH nicht verstehen könne.

An dieser Stelle habe ich mir dann aber meine eigenen Gedanken gemacht, denn immerhin bin ich evangelisch getauft und gehe jetzt an Weihnachten wieder (einmal) in die Christmesse.

Obwohl ja die gesamte Jenseits-Theorie des Christentums in sich zusammenbricht, wenn die Seele im Himmel oder in der Hölle keine Erinnerung an ihr früheres Leben hat ( also auch nicht an die vier früheren Ehefrauen und so weiter ).

Auferstehen und dann keine Erinnerung haben?

Oh, das gibt Ärger.

Zumindest mit den Seelen, die in der Hölle gelandet sind, die werden das als große Ungerechtigkeit empfinden.

Die arme Seele stellt sich dort täglich tausendfach die Frage: “ Warum bin ich hier und warum N.N. nicht?“

Wenn ich einen ganzen Tag solch existentiellen Fragen nachgehe, überkommt mich meist so eine Art Arbeitswut.

Ich muss dann irgendwas schaffen.

Gott schuf ja auch.

Hatte er auch auf irgendetwas eine Wut?

Auf meinem Gartengrundstück habe ich in den letzten Tagen deshalb die Thujahecke gerodet und Gravensteiner, Roter Boskoop, Golden Delicius, Goldparmäne, Idared und Cox Orangenrenette gepflanzt, alles Apfelbäume, falls Sie mit der Nomenklatur nicht so bewandert sind.

Meine erste und einzige Ehefrau hat mich für verrückt erklärt.

„Wer soll denn in einigen Jahren die ganzen Äpfel essen?

Meinst du, ich mach den ganzen Sommer Apfelbrei ?“ hat sie entnervt ausgerufen.

Aber sie hat den J.M.Coetzee nicht gelesen.

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Nur im Paradies gibt es Äpfel.

Was die in der Hölle essen –  ist mir scheißegal.

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