Roussillon – Sentier de Ocre

 

Nein, ein Abenteuer ist das nicht.

Kein Nervenkitzel.

Es könnte auch nur ein Sonntagnachmittagsausflug sein.

Wenn man schon am Tag zuvor die rund 800 Kilometer zurückgelegt hat.

Immer der Rhonetalautobahn nach, nach Süden, dann bei Orange mal schnell raus und wenn das Navi funktioniert, dann ist das Ziel schnell gefunden.

Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre.

Wir haben uns schon garantiert dreimal  auf Frankreichs Nationalstraßen verfahren und warum wohl?

Weil dieses Sch.. navi nicht auf dem neusten Stand ist.

Das ist das eigentlich abenteuerliche an dieser Suche nach der roten Stadt.

Oder rotes Dorf?

 

Weiß ich jetzt so ohne Google Unterstützung nicht, aber wahrscheinlich besuchen mehr Touristen diesen Ort in der Provence als das Dörfchen Einwohner hat.

Die Wohnmobile, Zeugen echter Abenteuerlust.

An der Ausfallstraße  stehen sie in Reih und Glied.

Wir  fallen jetzt erst, es ist später Nachmittag, in Roussillon ein.

Wie vor uns schon hunderte anderer Deutscher.

120 000 Touristen besuchen das Dörfchen im Jahr.

Alles wegen der roten Erde.

Wir fahren kein Wohnmobil und sind einigermaßen ratlos, wo wir unser Auto abstellen könnten.

Das hat man, wenn man zu rücksichtsvoll denkt.

Nein, in Roussillon ist der Parkplatz mitten im Ort, es wäre ja auch viel zu viel Mühe, wenn man ein paar hundert Meter bis zum Parkeingang laufen müsste.

Asphaltierte Parkplätze, asphaltierter Weg zum Parkeingang.

Wahrlich kein Abenteuer.

Ha, da war die Erkundigung des Colorado Provence in Rustrel doch ein echtes Erlebnis.

Da hätte man sich noch verlaufen können, wenn man es darauf angelegt hätte.

Hier in Roussillon ist das alles zivilisierter.

Bereits der erste Abgang ins Tälchen ist beinahe rollstuhlgerecht ausgebaut, ausrutschen dürfte hier keiner.

Da sitzt aber der erste wohlbeleibte Herr schon auf seinem Hintern.

Also so ungefährlich ist es nun mal auch wieder nicht.

Früher, als hier noch der Ocker abgebaut  wurde, musste man mit Vorsicht ans Werk gehen.

Aber das ist lange vorbei.

Ocker wird hier keiner mehr abgebaut, nur noch bewundert.

Die Römer hatten mal wieder etwas entdeckt, das sie gut brauchen konnten.

Rote Erde.

Grundlage für alle Farbnuancen zwischen blassgelb und tiefviolettdunkelrot.

Das Dörfchen hat auch anscheinend von denen den Namen abbekommen.

Sie nannten das Dorf vicus russulus (rotes Dorf).

Roussillon war dann bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts Zentrum des Ockerabbaus, der bis 1930 noch betrieben wurde.

Heute existiert nur noch eine Farbenfabrik namens Ancienne Usine Mathieu zur Besichtigung.

Hier hatten wir den frühen Nachmittag verbracht.

Und die typisch französische Mittagspause.

Im Schatten einer 168-jährigen Traube, die die Veranda des kleinen Bistros überspannt und wo der Inhalt des Glases Vin rouge ordinaire besonders angenehm über die fast ausgetrocknete Zunge rieselt.

Mehr als ein Glas gönnen wir uns aber nicht.

Schließlich wartet noch ein anderes Abenteuer auf uns.

 

Nach Studium einiger aufschlussreicher Informationstafeln pirschen wir jetzt also den Sentier des Ocres, den Ockerlehrpfad entlang.

Wir wählen natürlich den großen Rundweg, wollen wir doch nicht schon nach einer halben Stunde wieder auf dem Parkplatz stehen.

Pinien bieten ausreichend Sonnenschutz, unzählige abstrakte Felsformationen lenken unseren Blick und die tiefstehende Sonne lässt die Erdhügel – Felsen will ich die nicht nennen, denn die Ockererde ist relativ weich und daher von vielen Erosionsrinnen durchzogen – in einer unvorstellbaren Farbpalette erstrahlen.

Ich warte an den meisten Fotostandpunkten, bis der Besucherstrom eine kleine Lücke frei lässt und banne meine Bits auf die Platte.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf hinweisen, dass unser spätnachmittäglicher Besuch sehr wohl so von mir geplant war.

Man muss warten können, bis die Sonne tief steht, um einige vernünftige Bildchen schießen zu können.

Während wir also auf die richtige Beleuchtung der Erdhügel warten, hoppala, wer hat mich jetzt da von hinten geschubst?

Ich verstehe ja, dass man, aus dem fernen Osten kommend, keine Zeit hat, um auf den richtigen Sonnenstand zu warten, aber muss man einen wartewilligen Europäer gleich in die Tiefe stoßen?

Von wegen kein Abenteuer, so ein Reisebus mit 50 Japaner oder Koreaner und geschätzten 200 Kameras ist nicht zu unterschätzen.

Aber sie haben den kleinen Rundweg gewählt.

 

Gottseidank, so steht mir als erlebnishungriger Abenteurer nichts mehr im Weg.

Endlich Nervenkitzel  und der Reiz des Ungewissen, denn in den entfernten Regionen des Rundweges sind wir beinahe allein auf dem ausgetretenen Pfad mit phantastischen Ausblicken in die tief unter uns liegende Ebene.

Nein, kein Selfie, muss ich auf die Frage meiner Liebsten antworten.

Viel zu gefährlich.

Ein unbedachter Schritt rückwärts um die günstigste Fotoposition einzunehmen und schon ist es vorbei.

Nein, machen wir lieber nicht.

Wir warten lieber, ob hier nicht noch jemand vorbei kommt, den wir um einen Druck auf unseren Auslöser bitten können.

Wir warten.

Aber wir bleiben allein.

Bei all dem Warten fällt mir ein, dass hier bereits jemand vor einigen Jahrzehnten gewartet hat.

Natürlich nicht hier im dichten Wald, aber in dem kleinen Städtchen Roussillon.

Er – oder war es eine Sie? – hat auf eine Person namens Godot gewartet.

Ich weiß nicht, ob die Warterei erfolgreich war.

Aber daraus ist das Theaterstück „Warten auf Godot“entstanden, eines der am meisten gespielten Stücke in Deutschland.

Zwischen 1942 und 1945 versteckte sich Samuel Beckett in Roussillon vor der deutschen Wehrmacht und setzte der Stadt in seinem Theaterstück Warten auf Godot ein Denkmal.

Aber wer weiß das schon außer mir.

So etwas zu wissen ist ja schon das reinste Abenteuer.

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