Im Colorado Provencal

Sturm.

Tieffliegende Wolkenfetzen.

Graue Nebelschwaden.

Prasselnder Regen.

Gottseidank nur auf unser Autodach.

Gestern abend wollten wir noch mit unseren Rädern den Weg über das Plateau angehen.

Läppische 80 Kilometer hin und zurück.

Aber dann haben wir es uns doch noch anders überlegt.

80 Kilometer bergauf und bergab, das muss man sich im Urlaub nicht unbedingt antun.

Und bergauf und bergab ließ sich anhand der Höhenlinien auf unserer Landkarte wunderbar erahnen.

Nur das Wetter war nicht vorhersehbar.

Waren wir doch bei strahlendem Sonnenschein an unserem Hotel in Flassan am Fuße des Mont Ventoux, dem Riesen der Provence, losgefahren.

Mutterseelenallein auf der Straße durch endlose Steineichenwälder, immer bergauf bis aufs Plateau d‘ Albon und auf der anderen Seite wieder mutterseelenallein durch endlose Steineichenwälder in die nächste Senke hinabgerollt.

Auch dort sollte uns wieder strahlender Sonnenschein erwarten.

Nur hier oben auf  900 Meter Meereshöhe werden wir beinahe von der Straße geweht.

Wir rollen an den Straßenrand und lassen das Autowaschstraßenfeeling über uns ergehen.

Genau gesagt bei Lagarde-d’Apt.

Unser Ziel liegt in der Ebene, von der wir leider nichts sehen, die wir aber nach unserer Karte in etwa 15 Kilometer erreichen müssten.

Und tatsächlich, einige Höhenmeter tiefer ist vom Unwetter nichts mehr zu sehen.

Strahlendblauer Himmel mit gewaltigen schneeweißen Schönwetterwolken.

Die Beschriftung am Straßenrand weist uns direkt auf den pinienbeschatteten Parkplatz des Colorado Provencal südlich von Rustrel.

Wir sind im Land des Ockers.

Ein bisschen schimmern rote Felsen durch sattgrüne Wälder, das ganze gekrönt von Cumuluswolken.

Das verspricht ein herrlicher Tag zu werden.

Unsere Parkkarte weist gleichzeitig einen kleinen Wegeführer aus und somit ist Verlaufen nicht drin.

Gottseidank mal keine Verantwortung für den richtigen Weg.

Wir haben uns natürlich für den großen Rundweg entschieden.

Bald lichtet sich der Wald und die ganze Palette an Rot-,Violett-, Gelb-, Brauntönen leuchtet in der Mittagssonne.

Klick,klick,klick.

Der Verschluss meiner Kamera läuft wie geschmiert, was zur Folge hat, dass meine Speicherkarte in nullkommanix voll ist.

Und ich keinen Ersatz dabei habe.

Mann, wie kann man nur so bescheuert sein.

Acht Gigabite sind ne Menge Speicher, aber nicht, wenn du im RAW-Format herumknipst.

Ich lösche  Familienfotos, Gartenbilder, Baudokumentationen.

Das alles ist jetzt unwichtig.

Bei diesem Angebot an Motiven.

Ich kraxle auf die höchsten Ockerhügel, ich rutsche in die tiefsten Ockerschluchten, von der Erosion ausgeschwemmt, ich untersuche Gesteinsbrocken auf ihre Zusammensetzung.

Ich finde Spuren des industriellen Abbaus des Ockers, der aber in diesem Gebiet schon lange nicht mehr stattfindet.

Ich finde meine Frau wieder, die in der entgegengesetzten Richtung ihre Hügelkraxelei fortgesetzt hat.

Wir finden uns zu einem Selfie.

Als Postkartenersatz werden wir das mal unseren Freunden posten.

Mein Arm ist hoffentlich lang genug, um nicht nur unsere Gesichter auf den Chip zu bannen.

Nein, ein wenig von der Landschaft muss mit drauf.

Schließlich sollen unsere Freunde ein bisschen rätseln, wo wir im Moment wohl sind.

Es dauert auch keine 5 Minuten bis die ersten Anfragen eintreffen.

Aber was willst du über Handy mitteilen?

Alles viel zu langatmig.

Dass wir mitten in Europas größtem Ockervorkommen sind.

Dass wir von Rustrel aus über Gargas nach Roussillon weiterfahren werden, um dort das weltberühmte carriere d’ocre zu erwandern, dass wir hier im Colorado von Rustrel aber die Ockervorkommen in einer recht ursprünglichen Form begutachten und dass wir bereits durch unsere Reisevorbereitung wissen, dass sich hier vor 100 Millionen ein Meer befand, an dessen Grund sich Sedimente absetzten.

Als diese Sedimente angehoben wurden, das Meer verschwunden war und der Mensch dahinter kam, dass er aus dem rotgelbbraunen Erdhaufen- Brauneisenstein mit Tonmineralien, Quarz und Kalk- etwa 80 Prozent Sand herausschwemmen musste, um den reinen Ocker zu gewinnen, entstand hier ein Industriezweig , der die gewonnenen Pigmente in die ganze Welt verschickte.

Ocker. Rotocker. Braunocker. Lichter Ocker. Goldocker.

Fleischocker. Schönbrunner Gelb. Barockocker. Rötel. Gebrannter Ocker.

Schöngelb.

Absolut lichtecht und wetterbeständig.

Nee, das lässt sich in der gleißenden Sonne per Handytastatur nicht mitteilen, es muss also für unsere zuhause gebliebenen Freunde ein Rätsel bleiben, wo wir uns gerade herumtreiben.

Hoffentlich glauben die nicht, wir seien nach Amerika geflogen, um dort den berühmten Colorado-Namensvetter zu erforschen.

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