Fremdevaluation

Also dieser Tage hat mich das Schneechaos schwer beeinträchtigt.

Aufstehen, duschen, anziehen und dann die Zeitung holen.
Dieses Ritual befolge ich nun schon zig Jahre und meistens klappt das ja auch ohne Probleme.
Diese Woche allerdings hat der Schneefall alles durcheinander gebracht.
Gut – aufstehen, duschen und anziehen war davon nicht betroffen, aber dann ging der Ärger los.

Die Zeitung war nicht da.

Einfach so.

Einfach nicht da.

Morgens so gegen dreiviertel Sieben.
Ohne morgendliches Zeitungsstudium fühle ich mich für den Rest des Tages wie ein un-informiertes Wrack.

Abends war die Zeitung endlich da.

Man liest sie dann meist ein wenig ärgerlich.

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Blöder Esel !

Irgendwie hat man ja nicht nur Schnee und Salz mit nach Hause gebracht, sondern auch anderen Ärger.
Bereits nach der ersten Seite ärgerten mich zwei Nachrichten.
Die kommende Fußballweltmeisterschaft in Katar und die kommende Klimakonferenz irgendwo auf dieser Welt.
Ich bringe die zwei Sachen einfach nicht unter einen Hut, äh unter meine Wintermütze.
Aber wahrscheinlich werde ich alleine die Welt durch energiebewusstes Verhalten vor dem drohenden Klimakollaps retten müssen.

Die in Katar machen da ja nicht mit und die irgendwo auf dieser Welt erklären mich als Endverbraucher wieder für alleinschuldig.
>Für mich allein sei ein Atomkraftwerk nötig<, sagt meine Frau auch, wenn ich mal wieder vergesse habe, das Licht im Flur auszumachen.
Gleichzeitig war ich aber auch ein bisschen froh, dass Katar sich nicht um die Ausrichtung der nächsten Olympischen Winterspiele beworben hat.

Malta 2011 219
Fauler Hund !

Meine Frau kommentiert mein Zeitungsstudium eigentlich immer mit dem Satz: „ Was regsch dich denn so auf?!“

Dazu muss man wissen, dass ich beim Zeitungslesen zur Gruppe der Empörer zähle.

Das heißt eigentlich nur, dass ich ab und zu mal bruddel.

Beim Lesen des Regionalteils blieb mir dann aber die Sprache weg.

Jetzt fragte meine Frau nach, das war sie von mir gar nicht gewöhnt: “Warum bisch denn so still?“
Ich antwortete: „Ja, verreck, da müssen wir was spenden.

Die armen Kinder, ach Gott, uff em Bode und so nah bei uns.

Des isch ja wie in Afrika.“
Das Foto hatte mich beinahe erneut zum seelischen Wrack gemacht.

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Zeitungsausschnitt

Das hat noch keine Pisa Studie so deutlich aufgezeigt wie dieses Foto.

Ein Schnappschuss.

In einem deutschen Klassenzimmer.

Und alle Schüler sitzen auf dem Boden.

Gut, nicht alle.

Einige scheinen auch zu liegen.

Vielleicht ist das ein Entgegenkommen der Klassenlehrerin an die Schüler, die nicht richtig ausgeschlafen haben.

Aber das ist ja gar keine Lehrerin, das ist ja ein Lehrer!

Ein Mann in der Grundschule?

Unfassbar!

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Elefant auf dem Weg in den Porzellanladen !

Warum sitzen die Schüler nicht auf Stühlen?

Wo sind die Schultische?

Ist jetzt nicht Winter?

Wird draußen der Schnee nicht mit Streusalz bekämpft?

Nein, das ist kein Teppichboden, das ist blanker Stragula, den ich auf dem Bild erkenne.

Und überall die Fussspuren.

Deutlich zu sehen.

Schneematschreste.

Und der dazugehörige Kommentar des Lokalredakteurs geht darauf mit keiner Silbe ein.
Er berichtet von irgendeiner Kommission, die aus Stuttgart angereist ist.

Zur Evaluation.

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Ich glaub, mich tritt ein Pferd !

Wer weiß, was das schon wieder für eine Marotte aus der Landeshauptstadt ist.
Aus Erfahrung weiß ich aber auch, dass eine ganze Schule ganz schön nervös werden kann, wenn sich da so eine Kontroll-Kommission angekündigt hat.
Früher wars ja nur der Schulrat.

Und wenns so gschneit hat wie gestern, dann hat der meist seinen Besuch abgesagt.
Aber so eine Fremdevaluationskommission, die fährt im stärksten Schneesturm von Stuttgart aus ins Badische.

Das verhindert keine Schneewehe oder gar eine im Schnee feststeckende LKW-Kolonne.

Also jetzt vermute ich natürlich nur.

Aber mein scharfer Geist liegt meist nicht daneben.

Neben den Vermutungen.

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Bei dir piepts wohl !

Gewiss ist, dafür war ich selbst viel zu lange Lehrer, gewiss ist , dass diesem Foto eine lange Übungsphase voraus ging. Völlig unvorbereitet natürlich haben die Schulkinder schon wochenlang geübt, was sie so sagen werden, was sie singen werden, was sie schreiben werden.

Und dazu saßen sie auf ihren Stühlchen an ihren Tischchen.

Ganz still, ganz brav.

Und jetzt sitzen sie ganz still, ganz brav auf dem Boden.

Was ist da nur passiert?

Ich muss vermuten, denn der Blödmann von Redakteur schreibt über die wichtigsten Sachen keine Zeile.

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Du Hornochs !

Bei denen muss, anders kann es nicht sein, in dieser kalten Nacht, die Heizung ausgefallen sein.

Nein, anders kann es nicht gewesen sein.

Und dann sind die natürlich erst recht nervös geworden.

Der Rektor und der Pedell.
Auf jeden Fall hat der Hausmeister das der Fremdevaluations-kommission nicht antun wollen, dass die nach so einer anstrengenden Fahrt sich in einem kalten Klassenzimmer aufhalten müssen.

In den frühen Morgenstunden dieser schneereichen Nacht hat der gute Mann doch das ganze Stuhlmobiliar zu Heizzwecken verbrannt.

Das sieht man auf dem Foto natürlich nicht, aber man ahnt es.

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Kamel !

Mit oder ohne Erlaubnis des Rektors, das ist das einzig Ungewisse an der Sache.
Die armen Kinder.

Liegen zum Lesen chaosmäßig auf dem Boden rum.

In Schnee und Salz.

Das sieht man natürlich auf dem Foto auch nicht, aber ich kanns mir aus Erfahrung denken.

Und die Kommissionsmitglieder stehen wohlgefällig schmunzelnd an der Wand.
Das ist aber auch zu drollig, dass selbst der Lehrer keinen Stuhl mehr gehabt hat.

Das müssen wir dem hoch anrechnen, dass der sich auch in den Dreck aus Schnee und Salz geschmissen hat.

Ein positiver Eintrag in die Personalakte ist ihm gewiss.
Es soll doch wenigstens so aussehen, als wäre die Lesestunde genau so geplant gewesen.
Ich höre mit meinen zwei ärgerlichen Ohren schon die Sätze:
„Nimm die dreckige Schuh von meim Mantel“.
„Herr Lehrer, der Kevin putzt mit meim Schal sei Schuh“.
„Mensch Meier, jetzt hab i aber en nasse A…“.
„Guck mal, wie sich das Buch wellt. Schön, gell!“

Die Fremdevaluierungskommission hat natürlich noch kein Ergebnis bekanntgegeben, aber der Rektor meint, dass er ein gutes Gefühl habe.
Der Leseunterricht auf dem Boden habe sie besonders beeindruckt.

Die Kommission.

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Wo ist der Leithammel ?

Meine Frau und ich haben noch am gleichen Abend einen ansehnlichen Geldbetrag an die Schule überwiesen, damit die wieder Stühle kaufen können.

Lesen auf dem Boden macht doch keinen Spaß.

In Afrika vielleicht.

Aber in Deutschland?

Welche pädagogische Absicht dahinter steckt ist mir lange verborgen geblieben.

Ich jedenfalls hab mich dann abends in meinen weichen, bequemen Sessel gelümmelt.

Heut mal kein fernsehen.

Die Kinder haben mich regelrecht zum Lesen eines guten Buches animiert.

Nur, ich kenne kein Buch, das so gut ist, dass ich es auf hartem Boden liegend mit Begeisterung lesen wollte.

Es sei denn mein Sparbuch.

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