Diogenes vom Bodensee

Also – das glaub‘ ich jetzt nicht.

Aber kein Zweifel, an meiner Sandale klebt ein beinahe kaufrischer Kaugummi.

Frisch ausgespuckt.

Mir sozusagen vor oder besser unter die Sandale.

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Das hat man davon, wenn man beim Absteigen vom Rad nicht nach unten schaut.

Meine Liebste tröstet mich mit der Erkenntnis, es hätte auch etwas Anderes sein können.

Etwas Größeres, Braunes und ziemlich Ekeliges.

Also, Gottseidank, nur ein ausgelutschter Kaugummi.

Gestern, gegen Mitternacht, da habe ich krampfhaft nach einem solchen Kaumuskeltrainer gesucht.

Da wäre er mir willkommen gewesen!

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Höre ich doch auf der Heimfahrt vom Seenachtsfest in Konstanz zur Fähre  ein pfeifendes Geräusch an meinem Hinterrad.

Auch mein sowieso schon sehr mitgenommenes, kilometergeschädigtes Hinterteil spürt es augenblicklich durch harte Schläge auf mein Steißbein – ich habe einen Platten.

Kurz vor Mitternacht, zwei Kilometer vor der Fähre, sieben Kilometer vor unserer Ferienwohnung.

Plattfuß.

Ursache unbekannt. Und dabei war ich mir sicher, dass meine Reifen beinahe unplattbar waren.

Glaubte ich zumindest.

Also absteigen.

Und in völliger Dunkelheit einen prüfenden Blick auf das Hinterrad werfen.

Deutlich hörbar das Ventil.

An alle Eventualitäten habe ich gedacht, aber ein Reserveventil habe ich nicht in meiner Satteltasche.

Also spontan nicht reparabel.

Vielleicht könnte ein Kaugummi die undichte Stelle abdichten.

Aber wer führt schon in unserem Alter noch Kaugummis mit sich.

Also schieben.

Zwei Kilometer zu Fuß zur Fähre, die Überfahrt nach Meersburg schon nicht mehr genießend, wohlwissend, dass das ein sehr langer Heimweg werden würde.

Ein kleiner Kaugummi, so stelle ich mir das im Nachhinein vor, hätte die Stelle wunderbar abgedichtet, zumindest notdürftig zugeklebt.

Dafür klebt meine Sandale jetzt, einen Tag später, am Straßenbelag, festgehalten von einem Chewing Gum.

Nee, mit dem Ding an der Sohle geht es nicht weiter. Taschenmesser aufgeklappt und gepopelt.

Also so einfach geht ein gut angekauter Kaugummi an einer Tefa-Sohle nicht weg.

Das dauert, da kann man ins Philosophieren kommen.

Und bekannte Philosophen, das kannst du in Wikipedia jederzeit nachlesen, können sich durchaus über ein kleines Ärgernis aufregen.

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Wie war das doch noch mit dem Archimedes?

Gerade hatte er seine Kreise in den Sand gezeichnet, als ein übelgelaunter Soldat schnurstracks dem eingezeichneten Durchmesser folgte und natürlich die ganzen, tagelangen Berechnungen mit einem schlurfenden Schritt zunichte machte.

Da wird er sich schon gewaltig aufgeregt haben.

Laut Überlieferung soll er ja nur gesagt haben: Noli turbare circulos meos, aber ich glaube, dass da noch ganz andere Wörter gefallen sind, die für ihn den raschen Tod durch einen Schwerthieb bedeuteten.

Und Diogenes?

Als er sich über den großen Alexander, der damals noch nicht das Attribut „der Große“ als zusätzlichen Namen führte, als er sich also nur über einen großen Alexander aufregte, weil der ihm in der Sonne stand, soll er ja nur freundlich darum gebeten haben, dass er ihm ein wenig aus der Sonne gehen möge.

Wirklich sehr höflich. Ihm ist ja auch Gottseidank nichts Schlimmes passiert.

Halt doch.

Wilhelm Busch hat ihm ein humoristisches Denkmal gesetzt mit seinem Vers:

Nachdenklich liegt in seiner Tonne, Diogenes hier an der Sonne.

Dazu hat er natürlich einige Spott-Bildchen gemalt.

Das hätte dem Diogenes nicht gefallen.

Da bin ich mir sicher.

Zumal die Tonne ihn vor Sonne und Regen schützte, daran besteht kein Zweifel.

Im zwischenzeitlichen Philosophieren war ich nicht tatenlos, sondern habe die blassgraurosa Pampe entfernt, stelle das Fahrrad ab und schau mich mal um, wo wir gelandet sind.

Hinter dem Bahnhof, am Ufer des Bodensees, laut Bahnhofsschild in Radolfzell.

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Alles in Ordnung, da wollten wir hin.

Hungrig sind wir auch, vom Durst gar nicht zu reden, die vollen Packtaschen über der Schulter, machen wir uns auf die Suche nach einer freien Bank unter den Platanen am Seeufer.

Belegt. Belegt. Sehr stark belegt. Reserviert.

Wir pilgern von Platane zu Platane bis zum Ende der Landzunge.

Letzte Bank.

Wahrscheinlich Übernachtungsstätte eines Obdachlosen, der sich im intensiven Gespräch mit einer jungen Dame befindet.

Braucht Sie etwa Hilfe?

Wir nähern uns ungefragt.

Nein, das sieht nach einer sehr friedfertigen Unterhaltung aus.

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 Die Dame strahlt das bärtige, langhaarige, barfüßige Ungeheuer mit lachenden Augen an, hängt sozusagen an seinen Lippen, die wortreich Sätze bilden.

Das interessiert mich jetzt doch, die Butterbrezel kann noch ein bisschen warten.

Die Bank ist belegt von Broschüren, Verkaufsangebote geistreicher Art, das sehe ich mit einem Blick.

Mit dem Wachtturm und den Zeugen Jehovas hat es nichts zu tun.

Dessen Vertrieb findet in einem ordentlichen Outfit statt und meist wortlos an einer Straßenecke stehend, den Menschenstrom an sich vorüberziehend.

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Hierher verirrt sich aber nur ab und zu ein Mensch wie ich, aber wie ich aus den Augenwinkeln sehe, nähert sich bereits eine weitere jüngere Dame, die dem Geschichtenerzähler schon diskret zuwinkt.

Noch ein Schritt und schon sind wir im Gespräch mit Josef Bögle.

Halt, den Namen habe ich von den ausgelegten Lektüren abgelesen und dieser Josef macht mich darauf aufmerksam, dass er der Sepp sei.

Seit 19 Jahren nur noch der Sepp.

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Josef habe er in seinem früheren Leben geheißen, als er gut Geld machte, in der Welt rumkam, verheiratet war und zwei Kinder hatte. Die hat er jetzt auch noch.

Aber seine Frau ist ihm schon vor 23 Jahren abhandengekommen.

Wohnung braucht er auch keine mehr, alles, was er besitzt, passt in zwei Koffer, die den Sommer über in einer Dachmansarde in einem Radolfzeller Hotel stehen.

Er schläft nicht auf dieser Bank.

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Nein, diese Bank ist nur tagsüber sein Aufenthaltsort und gleichzeitig seine Postanschrift:

Sepp Bögle –  letzter Baum an der Mole in Radolfzell.

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Man könne bedenkenlos Post an ihn schicken, jeder Briefträger kenne seine Adresse.

Nur den Winter über sei er auf Lanzarote, er würde da überwintern, aber sich nicht überarbeiten, drei Stunden am Tag seien genug, vor allem um die Weihnachtszeit.

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Da erlaube ich mir doch die freche Frage, mit was er sich eventuell überarbeiten könne, beim Überwintern?

Ja, ob ich denn blind sei?

Die Steinmännle seien seine Arbeit, die Steinmännle würden seine Lebensphilosophie grandios zum Ausdruck bringen.

Du hast keine Begehrlichkeiten – er gerät ins Dozieren – Essen, Trinken, Bekleidung, ein Dach über dem Kopf und ab und zu eine Begegnung mit einer Frau reichen aus, um in einem seelischen Gleichgewicht zu sein.

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He, da kenne ich mich aber auch aus.

Das sind genau die Vorgaben des Diogenes von Sinope.

Er hat, der Überlieferung nach, nur nach diesen Elementarbedürfnissen gelebt:

Essen, Trinken, Kleidung, Behausung und Geschlechtsverkehr.

Alle darüber hinausgehenden Bedürfnisse solle man ablegen.

Und genau so hat es der Sepp gemacht, dem Diogenes sozusagen nachgemacht.

Nur, dass tagelanges Philosophieren ziemlich langweilig sein kann und er sich daher so nebenbei einem Handwerk widmet.

Dem Stein- auf- Stein- Stellen.

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Jetzt erst sehen wir seine Kunstwerke, die entlang der Mole sich hinziehen, scheinbar den Gesetzen der Schwerkraft trotzend.

Ein leichter Windstoß kann die filigranen Kunstwerke schon zum Einsturz bringen.

Natürlich vergehen sich nachts einige Rüpel, die noch nie über ihr beschissenes Leben nachgedacht haben, an Sepps philosophischem Werk.

Aber, als er mir das erzählt, lacht er darüber, seit 23 Jahren macht er das schon und in wenigen Minuten sei das wieder aufgestellt.

Das glaube ich nun wieder nicht, er sieht mir den Zweifler an.

Bevor er mir seine Kunst vorführt, macht er mich mit einem seiner philosophischen Grundsätze bekannt:

Zweifle nie!

Dann begibt er sich ans Werk und was nach Newton nicht gehen würde, hat er in wenigen Minuten geschafft.

Scheinbar schwerelos thront ein Stein auf dem anderen, frei ausbalanciert.

Also so ganz frei von meinen Zweifeln bin ich nicht, das hat er mit seiner Belehrung nicht geschafft und deshalb überzeuge ich mich aus nächster Nähe.

Tatsächlich.

Er hat keinen Kaugummi als Hilfsmittel verwendet.

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Er berichtet mir, als ich neben ihm auf der Bank Platz nehme, dass vor einigen Jahren eine Schulklasse zu ihm gekommen sei und einer der Schüler, von seiner Lehrerin als pädagogischer Problemfall beschrieben, sich sehr an seinem Handwerk interessiert zeigte und jetzt sei diese Lehrerin, er habe sie sofort wieder erkannt, wieder bei ihm vorbeigekommen, er habe sie sofort nach jenem besagten Sven befragt und was habe er erfahren?

Ein völlig verwandelter Mensch sei dieser Junge gewesen, als sie wieder an der Schule waren. Folgsam, am Unterricht interessiert und…und….

Da ist sie wieder, meine Skepsis, mein Zweifel.

Habe ich doch jahrzehntelang mich mit den Aufsässigen, den Nichtinteressierten, den Widerspenstigen herumgeschlagen und kaum Verhaltensänderungen bewirkt.

Hätte ich doch Stein auf Stein stellen können.

Nein, habe ich nicht gekonnt, was habe ich getan?

Mir die Gosch fusselig geredet, völlig erfolglos.

Ich hätte halt das Studienfach Philosophie damals nicht so auf die leichte Schulter nehmen sollen.

Aber Stein-auf-Stein-stellen-Seminare waren damals in keinem Vorlesungsverzeichnis ausgewiesen.

Aber was ich noch über Sokrates weiß, ist beachtlich.

Hierfür könnte man mich mal richtig loben.

Über Sokrates schrieb Aristophanes:

Du aber Priester des kniffligen Worts

Verkünde uns jetzt deine Begehr……

…weil du stolz in den Gassen herumflanierst und die Augen rundum schweifen lässt, stets barfuß und ohne Empfindlichkeit…

Ich will nicht langweilen, aber der Hauptgrund, weshalb Sokrates rund um die Uhr nicht zuhause war, lag sicher an seiner Ehefrau.

Glaube ich!

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Dazu muss man den Namen dieses Weibes wissen.

Sokrates war mit Xanthippe, mit  d e r  Xanthippe verheiratet.

Xanthippe, wahrscheinlich längst schon vergessen, wenn sie nicht nach der deutschen Buchstabentafel mit ihrem Namen den Buchstaben X repräsentieren würde.

Mit dieser Dame war er verheiratet.

Nach der Überlieferung ein zänkisches, übellauniges, streitsüchtiges Weib, wofür ihr Name auch heute noch steht.

Ein kluger Mann auf dem Marktplatz von Athen und zuhause unter der Fuchtel eines Drachen.

Seine Freunde hatten dafür nur eine Erklärung:

Er legte sich diese Frau zu, weil er sich gewiss war, wenn er sie ertragen könnte, würde er sich leicht in alle anderen Menschen hineinversetzen können.

Wahrscheinlich hat er das geglaubt und keine Sekunde an seiner Ehe gezweifelt.

Zweifel waren ihm fremd, selbst als sie ihn einmal mit dem Inhalt des Nachttopfs übergossen hatte und die ganze Nachbarschaft seine Reaktion abwartete.

Aber was sagte der gute Mann:

„Seht Ihr, wenn meine Frau donnert, spendet sie auch Regen!“

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Ich will das von Sepp noch etwas genauer wissen, weshalb er sein Leben von Grund auf verändert hat, ob es vielleicht einen äußeren Anlass gegeben habe, vielleicht die Enttäuschung über das Verlassenwerden.

Aber meine Frage ist für Sepp zu banal, zu bürgerlich, zu kleingeistig.

Er drückt mir die Kopie einer Zeitungsseite in die Hand und ich erfahre von ihm, dass er bereits seine philosophischen Ansichten im „Nachtcafe“ bei Wieland Backes einem breiten Publikum  vorgestellt hat.

Das heutige Publikum an der letzten Bank an der Mole in Radolfzell erweitert sich gerade um eine Dame mittleren Alters, die sich freudestrahlend dem Sepp nähert.

Ich erkenne, dass es jetzt Zeit ist, mich meiner Butterbrezel zu widmen, auf einer der frei gewordenen Bänke unter den Platanen an der Mole in Radolfzell.

Nach kurzem, schweigsamem Aufenthalt – schließlich kann man mal ruhig über sein eigenes Leben nachdenken – machen wir uns auf die Heimfahrt, im Glauben unsere Ferien-Heimat ohne Plattfuß beschwerdefrei zu erreichen, was uns auch tatsächlich gelingt.

Positiv muss man denken.

Glauben und zweifeln passt nicht zusammen.

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Zusammen gehen wir abends einen der wunderschönen Sonnenuntergänge über dem See bewundern und, die letzten Tage überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, geradezu erleuchtet, fallen meine Blicke auf die Steine an unserem Strandabschnitt.

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Man muss glauben und nicht zweifeln.

Meine Gehirnzellen ordnen sich neu und schon ergreife ich den erstbesten Brocken, beuge mich nieder, setze ihn auf den nächstbesten Steinkoloss und schon steht er im Gleichgewicht.

Nein, den weht kein Windchen heute Nacht um.

Da habe ich keine Zweifel.

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Und glaubt mir, liebe Leser dieser Zeilen, ich habe nicht geschummelt.

Ich habe keinen Kaugummi verwendet!

Ein ausbalancierter Charaktermensch – wie ich – schafft so etwas spielend.

Glaubt mir, es gibt keinen Grund daran zu zweifeln.

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