Die drei glorreichen Rätsel der Gala

Ein schwarzer, chromblitzender Cadillac rumpelt, ja, man kann es nicht anders nennen, den Pfad, breitgetrampelt von den scharfen Hufen unzähliger Ziegen, der einzige Zugang zum Hafen von Port Lligat, hinunter, gesteuert von Gala, neben ihr auf dem Beifahrersitz Salvador.

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Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende und steinreich sind die Dali’s aus Amerika zurückgekehrt, der prächtige Amischlitten könnte es nicht besser ausdrücken.
In Cadaques steht Salvadors Vaterhaus, sein Vater ist bereit ihm zu verzeihen, dass er mit einer Ausländerin, zudem noch verheiratet mit Paul Eluard, Helena Dimitrijewna Djakonowa, genannt Gala, vor Jahren einfach so verschwand.
Salvadors Schwester wird 1950 ein Buch veröffentlichen, mit dem Titel Salvador Dali visto por su hermana, also das bisherige Leben des Salvadore Dali aus Sicht der Schwester, was zum totalen Bruch zwischen den Familienmitgliedern führt.
Dali erkennt sich nicht wieder in der Beschreibung seiner Schwester und so wird er auch seinen Vater erst wieder auf dem Totenbett sehen.

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Der schwarze, chromblitzende Cadillac wird in eine Baracke gefahren, vorsichtig, so breit sind hier die Türen nicht wie in Amerika, und eine Fischerkate wird einer halbverrückten Fischersfrau abgekauft, Lydia, so ihr Name .

Sie sitzt ihm später sogar Modell, eine Rückenansicht, ein sogenanntes Schubladenbild, Öl auf Holz, nur 18 auf 24 Zentimeter groß, heute im Dali Museum in Cleveland unter dem Titel Die Entwöhnung der Möbel-Ernährung zu betrachten.

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Jetzt ist er wieder da.

Und mit ihm seine Gala.
Wohl nicht direkt in Cadaques, aber direkt am Ufer des Meeres.
In Port Lligat.

Sie richten sich ein, sie bauen um, Jahr für Jahr, Stück für Stück, planlos, zufallsbedingt, werden er und Gala die Kate vergrößern, werden den Hang hinaufbauen, die angrenzenden Baracken werden hinzugekauft, der Patio mit dem Swimmingpool wird angelegt und im Atelier wird fleißig gemalt.

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Das Atelier ist der hellste Raum in der Casa Dali, wenige Fenster lassen spärliches Licht in die anderen Räume.

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Die Dalis wollen nicht beobachtet werden, dieses Haus soll ihr Geheimnis bleiben und so erinnert es eher an eine Burg.

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Ein Sammelsurium an Gegenständen, die ausgefallensten Dinge, der Neugier Salvadores ergebenste Diener, kann der Museumsbesucher heute hier noch vorfinden.
Gala achtet darauf, dass sich das Haus nicht zur Rumpelbude mausert, ihren Ordnungssinn könnte man auch als Sauberkeitswahn bezeichnen.

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Ihre Strenge sorgt dafür, dass es hier wie aus dem Ei gepellt aussieht, obwohl sie bis in die Sechziger hinein nur ein paar Gäste empfangen, meist Kunden zum Mittagsmahl oder dem Abendessen.
Doch nie länger, Gala richtet kein Gästezimmer in der Casa Dali ein, nein, das Haus ist ihre Privatangelegenheit.
Manchmal lässt sie Journalisten oder Sammler, Fotografen ins Atelier, niemals jemanden in ihren Salon.

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Nein, einfache Leute werden ihr Geheimnis des Hauses nicht zu Gesicht bekommen.

Galas Ei.
In diesem eiförmigen Zimmer hält sie sich meist auf, versteckt sie sich, denn die meisten Gäste ihres Mannes interessieren sie nicht, sie will unsichtbar bleiben.
Sie kommt und verschwindet abrupt, sie mustert die Gäste mit einem spöttischen Gesichtsausdruck und macht aus ihrem Missfallen kein Hehl.
Er dagegen braucht das Publikum, das dient seiner Erholung, er braucht es für seinen Ich-Kult.
Dafür ist das Haus nicht geschaffen, die Räume sind zu klein, sie gehen auf verschiedenen Niveaus ineinander über, nein, Repräsentation wird hier schwierig.
Gala unterstützt die neuen architektonischen Vorstellungen ihres Gatten und da sie sich sowieso nur von Mai bis Oktober hier in Port Lligat aufhalten, ist der Bau eines Patios die logische Folge.

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Ich betrete ihn allein, niemand raubt mir meine Aufmerksamkeit und meine Gedanken beschäftigen sich mit der Frage, was Kitsch und was Kunst ist.

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Dalis Kunst führt dazu, dass immer mehr Fans des großen Meisters ihn persönlich kennen lernen wollen.
Man tritt sich auf die Füße, um eine Audienz zu bekommen.

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Sie warten geduldig auf den Bänken, ob der große Meister Zeit für sie hat.

Eigentlich hat das Ganze etwas Königliches an sich.

Man spricht leise, man bewegt sich angemessen und mit dem Schlagen seines Stockes auf die Fliesen kündigt sich der Sonnenkönig des Surrealismus höchstpersönlich selbst an.
Wenn er Lust dazu hat, wenn er seine bizarren Monologe genießen will.
Gala hingegen geht der Sache aus dem Weg.

Sie ist nur ein flüchtiger Schatten, sie lässt ihm hier seine Bühne allein.

Schuttverwertung

Tief in ihr verbirgt sich eine Scheu sich selbst darzustellen, der krasse Gegensatz zu Dalis Wunsch, Gefallen zu erregen.
Seine Besucher werden immer bizarrer, es gibt sogar in Barcelona eine Agentur, die sich um die Vermittlung von Verschrobenen und Lächerlichen kümmert und sie Dali zuführt.

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Für Gala ist die Begegnung mit diesen Typen vertane Zeit.

Hier lässt sich kein Geld verdienen.
Jahrelang hatte sie sich ausschließlich um das „Mehr“ gekümmert, mehr Bilder für den Verkauf.

Mehr Geld vom Bilderverkauf.

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Sie hat panische Angst vor der Armut, die sie in Moskau lebend als Kind erfahren hat.
Je mehr Geld sie einnimmt, je mehr sie anhäuft, umso mehr packt sie die Gier.
Sie war nicht immer habgierig, aber mit ihrer zweiten Phobie kann sie nur umgehen, wenn sie weiß, dass genügend Geld da ist.
Ihre panische Angst vor Krankheit.
Als 17 Jährige war sie als lungenkranke Patientin in einer Kurklinik bei Davos, dort lernte sie den ebenfalls erkrankten Paul Eluard kennen, den später berühmten Dichter und heiraten wird sie ihn 1917.

Sie wird eine Tochter von ihm haben, um die sie sich keinen Deut schert.

Sie wird ihre Tochter nach der Begegnung mit Dali nie wieder sehen wollen, ja sie verhindert das sogar rigoros, als sie schon auf dem Totenbett liegt.

Die Erinnerung an diese Zeit in dem Lungensanatorium lässt sie einen Koffer mit Arznei mit sich herumschleppen, lässt sie Ärzte besuchen und führt zu einem krankhaften Waschzwang ihrer Hände.
Nach der Heirat mit Dali 1935 erarbeiten sie sich gemeinsam, viele Jahre in Amerika lebend, den Spitznamen Avida Dollars.
Sie bewacht den gemeinsamen Schatz.

Dali ist zu dieser Zeit der bestverdienende Künstler der Welt.

Sie ist die eiskalte Rechnerin.

Ihr liegt jede Freundlichkeit fern.
Sie sind so reich geworden, dass sie den Überblick über ihr Vermögen verliert.

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Dali verpasst ihr einen neuen Kosenamen.

Er nennt sie moe zoloto, was auf russisch „mein Goldstück“ heißt.
Auf Reisen, und sei es nur eine kleine Fahrt in die Umgebung, schleppt sie Bargeld in rauen Mengen mit sich.

Auf den Fahrten nach Paris oder New York Koffer mit Unmassen an Reiseschecks und Bargeld.
Sie will sich im Falle von Katastrophen abgesichert sehen, sie glaubt, ihre Existenz könne an einem seidenen Faden hängen.

Wer heute den ehemaligen Ziegenpfad, zweispurig und aalglatt asphaltiert, herunterfährt, erkennt zwei riesige Gipseier bereits aus der Weite, die Wahrzeichen der Casa Dali.

Wahrzeichen eines Nestes.

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Als ich auf der Ziegelterrasse stehe und aufs Meer blicke, schwimmt ein Schwanenpärchen vorüber und ich erinnere mich an die vielen Schwanenpärchen am Rande des Pools, die eine kleine Wasserfontäne ausspeien.

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Ich weiß, das ist kein Zufall.
Der Schwan hieß Zeus.
Er hatte sich in die bildhübsche Leda verliebt, näherte sich ihr in Gestalt eines Schwanes und schwängerte sie.

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So in der griechischen Mythologie nachzulesen.
Leda legt zwei Eier und daraus schlüpfen die unsterblichen Helena und Pollux und die leider dem Tod geweihten Klytamnestra und Kastor.
Weil der einen Vater der Göttervater persönlich, der anderen beider Vater lediglich der Ehemann der Leda ist.
Helena wird ob ihrer Schönheit ein paar Jahre später den Trojanischen Krieg auslösen.

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Beim Durchschreiten des Hauses, verwinkelt, verschachtelt und in verschiedene Niveaus übergehend, komme ich zum höchsten Punkt der Räume, dem Schlafzimmer, fast leer, doch mit prunkvollen Betten.

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Man könnte meinen, Dali habe hier ein Zimmer für die mythologischen Zwillinge geschaffen.

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Dali selbst will Castor sein und Gala?
Nun heißt die genannte Gala mit richtigem Namen Helena und Dalis Liebe zur Mythologie ist bekannt.

Glauben sie also nicht, dass die Relikte eines Künstlerlebens hier im Museum nur effekthaschende Eitelkeit sei.
Nein, Dalis Werk basiert auf einer Konzeption.

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Natürlich hat das heute im Patio aufgestellte, begehbare Ei nichts mit diesem mythologischen Hintergrund gemein und ich glaube auch nicht, dass sich die Besucher tiefer gehende Gedanken zu den Eiern machen.
Als Tourist aus einem Ei herauszuschlüpfen, ist nicht mehr als ein Gag.

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Gala wird ob ihrer Schönheit von den Männern verehrt, sie gönnt sich in dieser Hinsicht auch jede Freiheit.

Salvador ist das so gut wie egal.
Für ihn ist sie dennoch seine Madonna.
Er wird ein Bild von ihr malen, mit dem Titel Die Madonna von Port Lligat.
Dali behauptet, seine ausschweifende Phantasie würde ihm genügen, man könnte ihn als einen platonischen Liebhaber betrachten.
Und Dali entwickelt natürlich auch daraus eine Philosophie, den Cledalismus.
In einem Gala gewidmeten Buch mit dem Titel Hidden faces (Verborgene Gesichter) wird seine Buchheldin Solange de Cleda, welch‘ ein Name, von ihrem Liebhaber in ein besonderes Liebesspiel eingeführt:

Lust zu empfinden, ohne sich zu berühren.
Dali lässt sich zu diesem Thema ausführlich, ja geradezu geschwätzig aus.
Gala schweigt dazu.

Und fühlt sich frustriert.
Sie umsorgt wohl ihren Salvadore, schaut sich aber anderweitig nach dem um, was ihrer Liebe fehlt.
Sie träumt nicht nur von Eskapaden, sie legt sich einen gelben Kahn zu, mit dem sie alleine oder mit befreundeten Fischern hinaus aufs Meer fährt.

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Sie spürt das Bedürfnis auszubrechen, sie geht auf die 60 zu und nimmt immer öfter Urlaub.
Sie muss sich von Dali erholen.
Mit dem schwarzen, chromblitzenden Cadillac und ihrem Fahrer Arturo fährt sie in ihr Traumland, nach Italien, und ihre Spuren verschwinden dort.
Niemand weiß darüber etwas, niemandem erzählt sie von diesen Reisen.
Auch ihrem Salvador nicht.
Und er, Salvador?
Er freut sich über dieses vieltägige Alleinsein, empfängt Gäste in Massen.
Er freut sich, von niemandem Vorwürfe zu hören.

Aber er weiß, dass ihm sein Leben entgleitet, ohne ihre Disziplin.
Er wird das nach ihrem Tod erfahren.

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Der schwache Dali wird sich unfähig zeigen, seinen Weg alleine weiter zu gehen.
Aber jetzt ist noch das Leben zu genießen.
Junge Leute, die Hippies der Sechziger, verbringen ihre Zeit am Strand.
Dali lädt sie an seinen Pool, der in der Form eines Phallus gebaut ist.

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Während sie sich im Wasser erfrischen, hält er endlose Reden.
Es herrscht Partystimmung.

Gelächter, Planschen, Wasserspritzer in der Sonne.
Wenn die Gäste von einer Agentur geschickt werden, ähneln sich Männer und Mädchen.
Jung, schön, blond.
Androgyn müssen sie sein, ganz nach Dalis Geschmack.
Gewöhnlich Sterbliche sind aus diesem Kreis ausgeschlossen.
Graziler Jüngling oder langbeinige Nymphe.
Dali nennt sie seine „ Engel“ oder „ Ginestas“, nach dem golden blühenden Ginster.

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Aber unter all diesen zugeführten Engeln ist immer einer dabei, der sich durch eine stärkere Männlichkeit hervorhebt.
Die Agentur hat ihn für Gala geschickt.
Gala findet im Alter an diesen erotischen Spielen Gefallen.
Gala trifft ihre Wahl aus Dalis Models.
Jeff Fenholdt ist Amerikaner und Hauptdarsteller der Rockoper Jesus Christ Superstar.
Ihn umgibt ein Hauch Mystik und ab 1973 wird er Galas offizieller Begleiter.
Gala, eine Frau, die unter ihrem Alter leidet, die ihre Schönheit schwinden sieht, einen schönen Jüngling im Schlepptau.
Nachdem der gute Jeff 8 Jahre lang die Rolle des Jesus in der Rockoper gespielt hat, beginnt er sich selbst dafür zu halten.
Die Madonna.

Und ihr Jesus.

Und der göttliche Dali, so lässt er sich  seit geraumer Zeit von seinen Freunden anreden.

Sie verstehen sich.
Und auch Dali legt sich eine neue Muse zu:

Amanda Lear.
Mehr als ein Jahrzehnt wird sie den Großteil des Jahres in der Gesellschaft von Salvador Dali verbringen.

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Im Winter 1980, die Dali’s halten sich den Winter über immer in New York auf, erkranken beide an der Grippe.

Gala verliert die noch wenigen Kräfte, wird aggressiv und prügelt ihren Salvadore windelweich.
Dali selbst ist von Angst beherrscht.
Tag und Nacht geißeln ihn seine Dämonen.
Er prügelt nicht nur Personal und Besucher mit seinem Stock, sondern auch Gala.

Sie ist mit blauen Flecken am ganzen Körper übersät.
Die Gewalt hält Einzug in die Ehe.
Ihren letzten gemeinsamen Sommer verbringen sie 1981 in Port Lligat.
Gala ruft verzweifelt ihren geliebten Christ Superstar an und versucht ihn zu überreden, nach Port Lligat zu kommen.
Seine Absage raubt ihr die letzte Illusion von Jugend.
Sie weiß, dass ihr letztes Abenteuer nun endgültig zu Ende ist und dass es kein weiteres mehr geben wird.
Sie lässt ihr Bett anders stellen, mit Blick auf das Meer.

Vielleicht will sie sich an die Zeit des Glücks und der Liebe erinnern.
Gala stirbt am 10.Juni 1982 nachmittags in jenem mythologischen Bett der Helena mit offenen Augen, den Blick aufs Cap Creus gerichtet.

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Ihr nackter Leichnam wir am Tag darauf in eine Decke gewickelt, auf den Rücksitz des schwarzen, chromblitzenden Cadillacs gelegt und heimlich ins 80 Kilometer entfernte Pubol, in Galas Schloss, das ihr Salvador vor zehn Jahren zum Geschenk gemacht hatte, transportiert.
Dort wird sie im Gewölbe ihres Schlosses, einer Königin gleich, beigesetzt.
Einen Monat nach ihrem Tod wird Dali vom spanischen König zum „Marquis de Pubol“ ernannt und er schenkt zum Dank Spanien sein letztes Portrait der Verstorbenen mit dem Titel:
< Die drei glorreichen Rätsel der Gala.>


Mein Wissen über die Dalis basiert auf dem Buch von Dominique Bona mit dem Titel: Gala

ISBN 978-3-596-17059-3

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