Wetterbedingtes FensterTheater

An- und Aussichten von dr Lissy und vom Herbert aus Karlsruhe während eines verregneten Kurzurlaubs in Niederbayern.

Mit Original-Wort-Passagen im niederbayrischen Dialekt der 12 jährigen Groß- Groß-Cousine Anja.

 

„Haben Sie schon mal ´gfensterlt´?“

Oder je nach Geschlecht: „ Hat jemand bei Ihnen ´fensterln´ dürfen ?“

Ich würde ja dieses Wort gerne ins Hochdeutsche übersetzen, aber, mei, dös is a solchene typische boarische Verhaltensweise von junge Leit, dass der geneigte Leser mir die Verwendung weiterer bayrischer Vokabeln, die ich natürlich niemals in ihrer ganzen Perfektion beherrschen werde, verzeihen möge.

Und im übrigen san Sie jetzt für mi a Du-Person.

Hoast mi?

Lissy: Ja mei, i tats schonno kenne. Dia Schproach.

Immerhin hab ich hier jahrelang meine Sommerferien beim Onkel und der Tante verbracht.

In Dobl und in Algerting bei Vilshofen an der Donau in Niederbayern.

Dieses Jahr wars mal wieder so weit.

So eine Art Heimweh treibt mich im Abstand von einigen Jahren dort hin.

Zu den  Cousinen und Cousins  und deren Kinder und Kindeskinder.

Ja, und alle kennen uns noch.

„Ja mei “,sagts Nannerl, de Ferd ,s´Marerl, de Schose und d´Bäb, d´Nickl und d´Hansi und und und…

D´Lissy aus Karlsruh. Und d`Herbert. Ja kommts rei.“

Also, i bin de Herbert und do bin i (net) dahoam.

Und i hab in meinem ganzen Leben a noch nie gefensterlt.

Ich bin in einer fernsterlnfreien Region aufgewachsen. I

In Schwäbisch Hall im Hohenlohischen.

In meiner Heimat da konntest du – ohne nicht aufzufallen – keine 8 Meter lange Holzleiter nachts zum Haus deiner Angebeteten tragen.

Da wärst schnell verhaftet gwesen.

Nachts mit einer Leiter unterwegs.

„ Na, wo wollen wir denn hin?“

„ So, zu ihrer Freundin wollen Sie?!“

 

Wenn ich dann noch erklärt hätte, dass Sie im Erdgeschoss wohnt – mei, dös hät mir auch ein bairischer Wachtmeister im württembergischen Polizeidienst nie und nimmer geglaubt.

Dös wär net schee gworden. Die Nacht.

Mei hat der Urlaub schee agfange.

Mr san zerscht a weng um den Chiemsee gfahre.

Mit unsere neie E-beiks.

Leider nur drei Tage lang.

Dann hats gregnet und gregnet und saukalt is worre.

Anfang September.

Mei, do ham mer uns halt a bissel früher auf den Weg zur Verwandtschaft gmacht.

Die ham sich gfreit, als wir zwei Tag früher kimme san.

 

„Mei, d´Lissy. Und de Herbert! Wo kommts denn ihr her? Vom Chiemsee?! Ja mei, do is fei schee.“

 

Nein, in der Gegend um den Chiemsee, da kannst du nicht fensterln.

Du findest kein Fenster, das zum Fensterln geeignet wäre.

Die Immobilienpreise sind dran schuld.

Wenn du eine halbe Million für einen Bauplatz zahlst, dann kannst du da keine Hütte drauf bauen oder ein Stadl.

Naa, da brauchst einen Architekten, der eine Fensterfront gigantischen Ausmaßes und verglaste Wintergärten plant und realisieren lässt.

Vielleicht tatst du das mit der Leiter schaffe, aber trau dich mal in einen Garten mit bewegungsmeldergesteuerter Gartenbeleuchtung.

Da kann dein Gschbusi lang „pssssst“ rufen.

Schon stehst du im Scheinwerferlicht.

Mei, müssen die Madels do heit uff den Spaß verzichtn.

Vorbei mit der ganzen Freud.

 

 Mei, gfreit sich dös Hundle. Fipsi, komm geh her. Fipsi, sag schee grüß Gott. Na , mussst net knurre. Dös is doch die Lissy und der Herbert aus Karlsruh. Ja mei, kommts halt rei. Was? Warum muss der Hund draußen bleibe?

Weil er pudelnass is?! Dös is koan Pudl, dös is an Schnauzer. Ja mei, gfreit sich dös Hundle.

 

Voraussetzung für ein gelingendes Fensterln ist absolute Dunkelheit.

Schon zartes Mondlicht kann das ganze Vorhaben versauen.

Und a lange Leiter brauchst.

Wenns geht a lange Holzleiter, die im Schuppen nebenan gut zugänglich an zwei Haken hängt.

Aber wo gibt’s dös heit no.

Rund um den Chiemsee nimmer.

So a Holzleiter passt net zum Porsche.

Und a neuzeitige Aluminiumleiter lässt sich nicht geräuschlos aufstellen.

Die macht so komische Geräusche, wenn du anfängst die Leiterteile gegeneinander zu verschieben.

Do wacht der Bap und die Mam garantiert auf.

 

„Mei, jetzt kimm halt her. Loss de abtrockne. Braver Hund. So, und jetzt no de Bart kimme. Braver Bua.

Hannelore, hat der Hund  heit scho was zum Esse kriagt? Na?! Mei, der arme Hund.

Habts ihr scho was gesse? Na?!! Ja mei! Hannelore, die hen heit no nix gesse.“

 

Unsere Vorfahren haben schon  gwusst, warum sie die Mädels im oberen Stock untergebracht haben.

Da warens sicher.

Behütet.

An der Rückseite des Wohnhauses weicher Grasboden.

Und das  Elternschlafzimmer möglichst weit weg.

Nur unter diesen Voraussetzungen konnte fensterln gedeihen und ich glaub, dass nicht jede Leiter rein zufällig in Reichweite an der Schuppenwand hing.

Mei, da muss es dir warm geworden sein, wenn du die Leiter erspäht hast.

Naa, warm is uns net gwen.

Dös war fei saukalt.

Und wir waren no auf Sommer eingschtellt. Kleidertechnisch.

Draußen vor dem Fenster koannst die schönen roten Tomaten bewundern und im Fenster drinnen hättst den Schwippbogen aufstellen können.

Mir ham scho oft Weihnachten gfeiert an einem Tag wos wärmer war als an dem Sommertag.

Mir ham dann den Kachelofen befeuert.

Weihnachtsgefühle ham sich eingestellt.

Natürlich haben wir ein paar Geschenke dabei ghabt.

Wenn man so aus der Fremde nach Bayern kommt, kannst net mit leeren Händen dastehen.

Also –gleicht wird Bescherung gmacht.

 

„Mei Lissy, dös wär do net nötig gwese.“

 

 

Schwindelfreiheit war unbedingt nötig.

Mancher soll ja das Gleichgewicht verloren haben.

Meist war aber der Durst dran schuld.

Oder, wenn du dich grad über die Fensterbrüstung schwingen wolltest und das Madel blitzartig erkennt, dass du der Falsche bist.

Dass du dir auf dem Tanzabend falsche Hoffnungen gemacht hast.

Ein leichter Schubs genügt.

 Jetzt kannst nur noch hoffen, dass der Misthaufen auch an der Rückseite unter dem Madelfenster liegt. Dann hast a Chance ghabt, dös zu überleben.

Ich bin wieder unter den Lebenden.

A heißer Grog, an Erdäpfelsalat und zwei Milzwürschtel.

 

Ja, wer kimmt denn da? Ja mei, die Anja und d Manuel. Ja is dös schee, dass ihr vorbeikimmt. Mei, seids ihr gwaxsen.

Ihr warts do im Urlaub? In Tirol?!. Was, ihr seids grad erst hoam kimme. Und schauts glei bei uns vorbei. Mei, seids ihr groaß worde.

Ja, dös is mei Handy. Was? Du hast das selbe? Supa. Dann können wir uns ja immer erreichen. Was? D Manuel hat a oins. Supa.

Sie hatten eigentlich keine Chance.

Dös überlebst net. So einen Super-Sturz aus 15 Meter Höhe.

Sie han a Sauglück ghobt. Wer?

 Na, die kaiserlichen Gesandten.

Was? Du kennst die Gschichtn vom Prager Fenstersturz nicht?

Der Auslöser des 30 jährigen Kriegs?

Ich hab dös Fenster gsehn, habs sogar fotografiert.

Ein Wunder, dass die drei das nur leicht beschädigt überlebt haben.

Gut, mindestens 2o Millionen haben das in den nächsten 30 Jahren nicht von sich behaupten können. Die waren für immer weg vom Fenster.

Eigentlich war das ja kein Fenstersturz, wie uns das die Gschichtsbücher weis machen wollen.

Eigentlich müssts Fensterwurf heißen.

Man hat die nämlich zum Fenster rausgworfen.

Stell dir vor, der Fensterflügel hätt damals geklemmt, wär nicht zu öffnen gewesen.

Was wäre Europa erspart geblieben!

 

Mei Lissy, i hob fei scho gschpart, dass i nextes Jahr zu eich kimme koa. Hoast du scho mei Handynummer? Kann i dir auf boarisch schreiben? Woaßt, schriftdeitsch is soo anstrengend.

Faktisch unmöglich war und ist Fensterln in den USA.

Anstrengend, sehr anstrengend muss dös Fensterln in der ehemaligen DDR gwesen sein.

So ein Plattenbau hat hunderte von Fenstern.

Und alle sehn gleich aus. Wie willst du da das richtige Fenster treffen?

Was?

Sie hat versprochen ein rotes Licht im Fenster brennen zu lassen?!

Ja schau dich mal um.

In jedem zweiten Fenster brennt eine rote Kerze.

Geheime Signale. Mitteilung an die Stasi?

Heute ein Fall für die NSA. Ich glaub, dass der Obama no nie nix vom fensterln ghört hat.

Die verstehn da koan Spaß, die Amis.

SMS an Lissy:  Gua Nacht und schlofds guad. finds supa, das es do hads. I gfrei mi scho auf Mittwoch.

 

Oh, da hab ich mich bös getäuscht.

Dass der Obama und seine Amis nicht wüssten, was fensterln bedeutet.

Die fensterln jeden Tag.

Sozusagen rund um die Uhr.

Millionenfach.

Natürlich nicht bei ihren Michelles und Carolines.

Eigentlich haben die das Fensterln sogar erfunden, nur nennen tun sie das so nicht.

Die haben sich doch tatsächlich dafür eine Übersetzung ausgedacht.

Windows oder Windows XP.

Yahooo und Gooooogle sind auch mit dabei.

Beim Fensterln.

Beim Windowen.

Romantisch ist dös zwar nicht, aber genauso gefährlich wies Fensterln in Bayern.

Jederzeit ist ein Absturz möglich.

Zwar folgenlos für deine Gesundheit.

Aber dafür kann der Aktienindex total absaufen und mit ihm die Weltwirtschaft.

Tja, es gibt schon zwischen den Amis und den Bajuwaren ein paar kleine erfinderische Unterschiede. Wegen der Anmeldung beim Patentamt.

 

„Lissy können wir morgen nach der Schua glei zu eich kimme?“

Woaßt was, i schreib dir a SMS wenns klappt. I fahr dann mit dem Schulbus glei weiter zu eich und d Baba kann mi ja dann aufd Nacht abhole.

 

Dunkelste Nacht.

Nur ein erleuchtetes Fenster.

Und dort geschehen seltsame Dinge.

Filmanfang zu Hitchcocks „ Fenster zum Hof“.

James Stewart sitzt mit Gipsfuß im Sessel, hat aber noch die Energie, seine Mitbewohner im gegenüberliegenden Haus mit dem Fernglas zu beoabachten.

Pfui, das tut man nicht.

Gut, er wird Zeuge eines Mordes, da sei ihm ein solch schändliches Verhalten verziehen.

 Und dann lehnt er sich auch noch zu weit aus dem Fenster, der Naseweis, und stürzt aus demselbigen.

Der Hitchcock soll den Fenster-Sturz so genial filmisch auf Zelluloid gebannt haben, dass allein diese Szene ins kollektive Menschheitsgedächtnis eingegangen ist.

Wer redet heut noch von den vielen Opfern des echten Fensterlns. Koa S….chwein.

 

SMS an Lissy: Danke schee, dass es eich gibt, wir meng eich ganz stark. Schlafts guat und seid lieb gegrüßt. Bussi

Von den alten Germanen ist kein Fenstersturz überliefert.

Kein Runenstein, kein Menhir berichtet über etwas derartiges.

Ich bin mir ziemlich sicher, die Germanen hatten keine Fenster an ihren Hütten!

Woher ich das weiß?

Also dann hätts dafür ein germanisches Wort gegeben.

Hatts aber nicht.

Bekanntlich war das Fenster ein Mitbringsel der Italiener.

Linguistisch betrachtet.

Damals nannte man d i e noch Römer und  das Loch in der Wand  tauften sie dann in „ fenestra „ um.

Also, was sind wir den Italienern doch dankbar.

Wir nehmen es ihnen auch deshalb nicht übel, wenn sie im Verlauf der Bankenkrise a bisserl viel Geld aus dem Fenster werfen.

Das hat etwas mit dem Urheberrecht zu tun.

Mei, bin i froh, dass die Anja und ich uns auf die boarische Version der Telekommunikation geeinigt haben.

Jetzt wissen wir ja dank Snowdon, dass die NSA all unsere SMS und Telefonate abhört, ausspioniert, anzapft, mitschneidet.

Naa , i bin mir ziemlich sicher, dass sie unsern Schriftverkehr – semantisch betrachtet- nicht entschlüsselt bekommen.

Und zudem.

Dös könne wir Bajuwaren schon viel länger als die Amis.

Azapft is!! Host mi?!!

Du sitzt am Schreibtisch, der Computer bruddelt so vor sich hin, dir aber fällt nix Gscheits zum Thema Salutogenese ein und dabei sollte sich dieses Thema schon kurz nach Weihnachten auf der Lernplattform räkeln.

Du schaust in deiner Verzweiflung a bisserl oft zum Fenster naus, dein Blick ruht auf der Silhouettte des nahen Waldrandes und du denkst, dass jetzt deine grauen Zellen entspannt zu einer Lösung kommen- da stellst du völlig überrascht fest, dass ausgerechnet dieses Fenster einen seltsam grauen Schleier aufweist.

Man nennt es Prokrastination, dass Dinge, statt sauber weg erledigt zu werden, erst einmal auf der langen Bank landen.

Das Prokrastinieren steht dem effizienten Wirken der Kreativkräfte allerdings sehr entgegen, weshalb Betroffene schleunigst reagieren sollten.

Einfacher ausgedrückt: Man sollte dieses Fenster putzen.

Na ja, morgen ist auch noch ein Tag.

Man muss sich uns, d’Lissy und der Herbert aus Karlsruh, wie die inoffizielle Weltmeister des Hinauszögerns vorstellen.

Ich werde jetzt mal erst die Todestatistik beim Fensterputzen in der BRD googeln.

 

„Mei Lissy , host du mei SMS kriagt? Die hob i während der Englischstunde gschriebn. Aber verrat mi ja net bei der Mam. Aber das war heit so langweilig. Hast se glese?“

SMS von Anja: Hi und wia geds eng i bin no in da Schui des is voi langweilig.

Mei, is dös Wetter langweilig, da könnte man von der Südsee träumen.

Bin beim Surfen im Internet auf folgenden Hilferuf gestoßen:

Ich suche dringend eine Wandtapete oder ein Poster mit Blick aus dem Fenster 2000 auf 1000. Wo gibt’s sowas? Das Motiv soll eine Landschaft ( Südsee oä) enthalten.

Es ist an diesem Text nix , aber auch gar nix erfunden.

Er ist quasi ein Plagiat aus dem Internet.

Man würde mir deswegen den Doktortitel entziehen, wenn ich einen hätte.

15 Mitglieder eines Forums glaubten dem Hilfesuchenden eine Bezugsadresse mitteilen zu müssen.

Allerdings wird der gute Mann oder die gute Frau noch ein Problem lösen müssen.

Wo hängt man den Riesenschinken hin?

Mit einem Blick aus dem Fenster.

Eigentlich nur als Ersatz des echten Fensterblicks, oder?

Das wäre doch logisch. Aber wie???

Fenster zunageln! Bild aufhängen!

Sommer, Sonne, Palmen – rund ums Jahr beim Blick aus dem Fenster.

Und schon redet niemand mehr von einem mitteleuropäischen Tief, das seit drei Tagen über uns kreist.

 

„Mei dös is aber schad, dass ihr am Samstag scho wieder hoamfahrt. Kennts ihr net no mei Schual aschaue?“

„Was? Ihr seids nur Mädchen in der Schul? A katholische Schul is dös. Ja- mit Nonnen und so? Tatsächlich! Unglaublich! Und Jungs?Was? 10 Kilometer auf der anderen Seite der Donau im Kloster Schweigelberg! Was? Nur Jungs? Dös is ja a Drama! Du lernst ja nie an Schulfreund kenne. Du kannst nie einen Blick aus dem Fenster auf einen tollen Typen werfen, der grad übern Schulhof geht.

 

Ja, ein Blick aus dem Fenster genügt. Da geht er hin!

Ich mein den Sommer!

Stell dir mal vor, es tat koi Fenster geben, weil die Italiener es nicht über die Alpen gschafft hätten.

Häuser hätten wir natürlich, nur die Fenster taten fehlen.

Beinahe 2000 Jahre lang ein schrecklicher Zustand, den wir erst jetzt lösen können.

Mit der App „Windowphone“- geeignet für absolute Workoholics, die keine Zeit haben einen kurzen Blick aus der Haustür zu werfen.

( Erinnere dich, es gibt ja keine Fenster )

Windowsphone zeigt die aktuellen Wetterverhältnisse an und wechselt je nach Wetterlage den Touchscreen.

Bei Regen sind auf dem Bildschirm Regentropfen zu sehen, wenns schneit: Eisblumen.

Die Imitation des Fensters ist beinahe perfekt.

Für romantische Seelen gibt’s ein mittelalterliches Butzenscheibenfensterchen, für fortschrittliche Naturen ein Alufenster mit gedämmtem Styrodurkern: Gegen die Kälte.

Leider besitzen wir diese App noch nicht.

Regen und Kälte erleben wir noch persönlich beim Gang zum Bäcker.

An diesem Sommermorgen.

 

„Lissy i glab jetzt is da Baba kimme. I hab sei Radio ghört. Woast, seit der sei neies Radio hat, hörn wir ihn schon von weitem. Wenn schees Wetter is, dann fährt ers Fenster abi und draht voll auf. D´Mam sagt, der wird no taub und i narrisch. Manchmal glaub i scho, dass es soweit is. Immer wenn d´Mam was von ihm will, tat er so , als tat er schlecht hören.“

 

Eigentlich kann man den Windowphoneentwicklern keinen Vorwurf machen.

Ein ungetrübter Blick auf die virtuellen Wettergeschehnisse war schon immer ein Sujet in der Malerei.

Von Dürer bis Mondrian, von Matisse bis Klee, alle haben sie den Blick aus dem Fenster als malwürdiges Motiv empfunden.

Merkwürdig ist dös erst mit dem Dali gworden.

 

„Lissy kannst du mi mal abhören? Ja, abhören! Was grinst ihr so? Mir han Englisch-Vokabeln auf.“

 

Na , mir gehn heut net aus dem Haus.

Mir brauchen keine frische Luft und dersaufen wollen wir auch nicht.

Hats so was schon mal in den letzten 30 / 40 Jahren gegeben?

Vor 60 Jahren.

Als der Juri Gagarin zum ersten mal durchs Weltall flog und wieder sicher gelandet war, hat er felsenfest behauptet, er hätte „ Gott“ nicht gesehen.

So ein Lügner.

Konnte er ja auch nicht.

Sojus 1 hatte keine Fenster.

Klar, dass d e r Gott nicht gesehen hat.

Also schlimmer kommts nimmer.

Nebelbänke, Peitschregen, Wasserfluten.

Mei, was hätten wir bei scheenem Wetter alles tun können.

So schauen wir halt aus dem Fenster.

Mal gucken, was da draußen los is.

Dös muss ma sich vorstellen wie ein Theaterbesuch.

Man guckt halt.

Mei, is der jetzt durch die Pfützen brettert, die Frau is ja ganz naß worde.

Na ja, wer bei sonem Wetter aufd´Straßen geht is selber schuld.

„Die Frau saß am Fenster und schaute hinüber.“

So beginnt eine Kurzgeschichte von Ilse Aichinger.

Kam in den 80/90 ern in jedem Schulbuch vor.

Titel der Kurzgeschichte: Fenstertheater.

Heit findst des Gschichtle nimmer im Schulbuch.

S`is zu schwer geworden.

Das Lesen.

Immerhin 2 Seiten, also a ziemlich lange Kurzgeschichte.

Deshalb hat die das Theater mit den neien Schulformen nicht überlebt.

Was in der Gschichten passiert is?

Na was wohl?

A Mordsverwechslung.

A Frau missdeutet die komischen Verrenkungen eines alten Mannes.

Am offenen Fenster.

Naa, kein Exhibitionist.

Aber sie ruft halt gleich die Polizei.

Weil SIE sich einfach nicht vorstellen kann, dass ER nicht SIE meint.

Ja, so einen Blick aus dem Fenster riskieren, hinüber auf die andere Straßenseite, kann zu richtigen Komplikationen führen.

Gottseidank bei uns net.

Uns gegenüber liegt ein großes Maisfeld, da ergibt sich keine Kommunikation.

Auch keine missglückte.

 

„Mei Oma, is do hin heit hoaß, du hast guad eigheizt. Schau mal wie der Fipsi daliegt. Streckt alle viere von sich.

Herbert , magst no an hoaßen Tee ? Was? A kalts Bier wär dir lieber!.Kannst ham. Hans, – d Herbert will a koalts Bier!“

 

Also wenn die Fenster net gwesen wären, wär mein Beruf als Lehrer erträglicher gwesen.

Mit vergessenen Hausaufgaben, mit der Legasthenie und der Dyscalculie, damit kannst leben.

Aber sFenster!

Des bringt dich um den Verstand!!!

Herr M. mir ist heiß. Können wir das Fenster aufmachen?

Herr M. es zieht. Können wir das Fenster zu machen.

Herr M. der Uwe stinkt. Ich brauch frische Luft.

Herr. M. die Sonne scheint durchs Fenster, können wir dunkel machen.

Herr M. da drunten werfen sie mit Kastanien

Herr M. der Mario und die Jessica sind hinter die Turnhalle gegangen. Dürfen die des?

Nach beinahe 40 jährigem Schuldienst bin ich für die Montage von Fensterfolien als blickdichte Sichtschutzfolie.

Zumindest die Diskretion bleibt gewahrt.

Beim Mario und bei der Jessica.

Dös is jetzt schon der 3.Tag Dauerregen.

Passsau an der Donau, am Inn und an der Ilz gelegen ist ja bekannt dafür, dass sich dort der Regen gerne in Form von Fluten sammelt.

Sollen wir mal nach Passau, schauen obs schon so weit , äh, ich mein so hoch ist?

 Naa, dös is no koa Katastrophentourismus.

Also gut, fahren wir halt nicht hin?

Mei, was könnt mer machen?

Wir müssen was unternehmen! Was könnt mer machen?

Naa, in Salzburg waren wir noch nie.

Mei des is a guate Idee.

Bloß 100 Kilometer.

Ja, do reichts Benzin no.

Salzburg.

Mei, do solls ja so schee sei.

„Lissy schade,dass i Schul hab, sonst wär ich gern mitgfahren. Dass mr mal wieder an d Luft kommt.“

 

Warum hat uns niemand gsagt, dass das mit dem Salzburger Schnürlregen eine Erfindung der Tourimusbranche ist?

Das klingt so harmlos.

Schnürlregen.

Mei, du wirst doch a Schnürlregen aushalten.

Die paar Tropfen.

Mir han aus Salzburg koi Dirndl, koi Trachtenhosen, koi Nockerl und a kein´Mozartkugel mitbracht.

Aber en schönen Regenschirm ham mer kauft.

Naa, net glei im ersten Gschäft.

Mr han erst das Angebot gesichtet.

Überall Mozart auf den Schirmen.

Sehr romantisch , aber leider viel zu klein und das Motiv viel zu düster.

Wie a Requiem.

Man könnt grad glauben, auch der Händel hätte seine Wassermusik während eines Kurzurlaubs in Salzburg komponiert.

A feuchte Inspiration brauchts für so ein großartiges Werk.

Bei sonem Wetter brauchts Farbe.

Ein Feuerwerk sozusagen.

Also den nehmen wir. Mei is der schön farbig.

Alle Farben und so groß.

Da geht mirs Herz auf, wenn i den Regenbogen so direkt über mir sig.

Gut, wir sehn jetzt natürlich keine Hausfassade mehr, nehmen die Salzburg über unseren Köpfen nicht mehr wahr, aber die Japaner springen jetzt alle zur Seite, wenn wir zu zweit unter unserem Riesenschirm durch die Einkaufsstraßen schieben.

Gut, Gummistiefel wären auch überall zu haben gwesen.

Aber man muss ja net übertreiben.

So a bisserl Wasser, mei dös macht uns doch nix.

„Lissy, jetzt muaß e nur noch in Erdkunde die Landkarte anmalen. Nimmsch du die Gelben, i nehm die Braunen. Das soll die Sahara werden. Da regnets nie, hat unser Lehrer gsagt. Nur manchmal. Aber dann sollen die Leit dort sogar ertrinke. Da bist in der Wüste und ertrinkst. Das is doch komisch.“

 

Es gibt schon komische Leut.

Seit zwanzig Jahren, jeden Morgen um genau 6.30 Uhr, fotografiert ein Herr namens Robert Weingarten denselben Blick aus einem der Fenster seines Hauses an der Santa Monica Bay mit derselben Kamera und demselben Objektiv.

So früh stehen wir nicht mal im Urlaub auf.

Nun gut, dort in Kalifornien macht das Aufstehen ja auch Spaß.

Die Sonne soll direkten Einfluss auf die gute Laune haben.

Die ist heut morgen total besch…eiden bei unserem Blick aus dem bayrischen Fenster.

 

„Opa, darf i jetzt a bissel mit dem Fipsi spielen? I hab alle Hausaufgaben gmacht. Naa, du brauchst die net zu kontrollieren, die Lissy hat mir gholfen.

Fipsi, mach Rolle.- Brav. Und jetzt a Männle. Mach Männle. Braver Bua. So –  gib Pfote. Braaav.

Tot! Toot! Tooooot! So is brav. Nein, toooooooot. …………………………So jetzt kriagst die Lekkerli. Dreh di, dreh di. Lissy dös kann er no net. Aber wenn ihr next Joah wieder kimmt, kann ers.“

20 lange Jahre lang immer den gleichen Blick aus dem gleichen Fenster.

Also mir sind solche Zeit-Fenster nur aus Kriminalromanen bekannt.

Und dort sind die Fenster dann ein wenig vergittert.

Ein Panoramablick wird sich da nicht einstellen.

Obwohl, Alcatraz soll seinen Insassen einen fantastischen Blick geboten haben.

Der war wohl so grandios.

Nur drei Bewohner dieses Hotels konnten den Ausblick nicht mehr ertragen und sind frühzeitig abgereist.

Mit unbekanntem Ziel.

Ja, auch Schönheit kann wehtun.

In der Seele.

Und vom Urlaubsportal wissen wir ja, 100 %ige Kundenzufriedenheit lässt einen eigentlich misstrauisch werden.

 

„Opa is dös Schiff einfach so umgekippt? Opa wo is des passiert? Bei uns net? Wo? Hat der Kapitän gschlofe?

Dr Baba hat gsagt, der hätt keinen Blick aus dem Fenster geworfen, vielleicht nur noch einen Blick für sei Freundin hätt der ghabt. Und hätt die Orientierung verloren. Vielleicht sei er eigschlafe.

Opa , wie du. Du schläfst a manchmal mittedrin ei. Oooopa! Mei jetzt is er scho während der Tagesschau eigschlofe.“

Also nur auf der Couch rumliege und gegen den Schlaf ankämpfen, so hab i mir meinen Urlaub a net vorgestellt.

Was kennt mir denn heit mache?

Net viel?

Warum?

Ahso.

Die Schua sind no nass.

Du hast sie aber mit Papier ausgstopft, oder?

Mei, wir hätten halt doch die Gummistiefel in Salzburg kaufen sollen.

Ach was, der Mozart da drauf hätt mi net gstört.

Wie singt der Harald Juhnke: Barfuss oder Lackschuh.

Kein Wunder, der war sein ganzes Leben nicht einmal in Salzburg.

Barfuß oder Lackschuh!

Beides wärn heut die falsch Entscheidung.

Der hätt von Gummistiefeln singen müssen.

 Könnt mer heut vielleicht a mol das Fenster wechseln?

Wir könnten doch in der Rosi ihrn Garten a bisserl gugge.

Ja mei, da wächst aber viel Unkraut.

Ah, krank war sie.

Ja, sooo lang krank?

Des Gras steht ja an halben Meter hoch.

Also, einmal wird’s e doch aufstehen haben können.

Das muss man doch mähen.

Ha, dazu braucht die jetzt an Frontbalkenmäher.

Ah, die hat oin.

Ja guat, dann is dös was anders.

Können wir wieder ans andere Fenster.

Dem Unkraut beim Wachsen zuschauen, des is net besonders spannend.

„Mei, des is aber schad, dass ihr morgen wieder hoam fahrt. Morgen abend spiel i fei Fussball. Da hättest do mitgehen könne.

 Gell Opa- i bin fei a guade. Zletztmal hab e drei Tore gschossen.

Opa, du hast mir mei Torprämie no net zahlt. OOOpa, versproche is versproche!“

 

Also, in Reiseprospekten wird dir das Blaue vom Himmel versprochen.

Wir haben uns mit dem bairischen Grau angefreundet!

Das hat man davon, wenn man in eigener Regie Urlaub macht.

Mann, was hätten wir in Ägypten alles erlebt, aber nein, meine Frau muss ja unbedingt nach Bayern.

Bei uns wird jetzt der Blick aus dem Fenster zum Höhepunkt unseres Kurzurlaubs.

Das ist aber anderen auch schon so gegangen und dabei waren die wochenlang unterwegs.

Vom Apollo Raumfahrtprogramm ist nämlich bekannt, dass es zu den Höhepunkten der Mondmission gehörte, wenn die Astronauten einen Blick aus dem Fenster werfen konnten.

Einen Blick in die Unendlichkeit.

Irgendwie sind wir Menschen es evolutionstechnisch gewohnt, aus dem Fenster zu schauen.

Drei Mann Besatzung und nur ein Fenster.

Und irgendwo da draußen die Erde.

Wunderschöne blaue Erde.

Zwei Personen und vier Fenster zur Auswahl.

Und überall da draußen Erde.

Patschnasse braungraue Erde.

Nur, ätsch, wir können das Fenster öffnen und a bisserl frische Luft genießen.

Ja sakkra, dös tat mi jetzt scho interessieren, wie dös da oben mit der Frischluft zugange is.

sFenster ham die ja net aufmache könne.

 

„Oh mei, Oma, der Fips hat sich daneben benommen. Oma, kann ich lüften?“

 

Also, mit dem Wetter wars dieses Jahr nix und sfensterln habe a net glernt.

Ein völlig sinnloser Urlaub also.

Aber mit einem Erkenntniszuwachs: Die Bayern wissen wohl was fensterln ist, aber gmacht ham ses a no nie.

Dös hat eine Umfrage unter all unseren  Verwandten in der dortigen Gegend ergeben.

Dös sei eine Erfindung der deutschen Filmindustrie.

Der Hansi Krauß Filme.

Ja, sie kenne die aus ihrer Jugendzeit. „Hurra die Schule brennt“ und so.

Die echten Bayern aber, die hätten so an Schwachsinn nie und nimmer mitgmacht.

Die echten Bayern haben sich bereits in den 60 ern aufs Fensterln am Auto eingestellt bzw. umgestellt. Auf den elektrischen Fensterheber.

Ja verreck.

Das sei einfacher zu realisieren gewesen, nicht so gefährlich und hätte bei den Madels mehr Eindruck hinterlassen.

Naa, net das Autofenster, das Auto drum rum, die BMW.

Und darauf tats ja schließlich ankommen.

Die bayrischen Kerls hätten net gfensterlt, sie hätten beemwedelt.

Be-em-we-delt.

Host mi?!

Das hätt bei den Madels einen Mordseindruck hinterlassen, dr Bap und die Mam hättens a net mitkriagt und niemals hät dös zu einem bösen Sturz führen können, höchstens wär des Auto auf dem Waldweg mal stecken blieben.

 

SMS von Anja: Seids gua akema? Bei eng is oba a so schee, gfrei mi scho aufs next joah.

 

Antwort von dr’Lissy aus Karlsruh:

Ja, ging alles ganz glatt.

Ein bisschen Aquaplanning, aber keinen Stau.

Bin jetzt schon wieder in der Arbeit, voll stressig, muss noch auf eine Sitzung, neues Zeitfenster besprechen.

I drick di ganz fest.

Schee wars.

Nachtrag:

So richtig schee wars Wetter dann die nächsten drei Wochen.

Sonnenschein. Blauer Himmel.

A Mordshitz.

Mir ham uns sakrisch drüber gfreit.

Man geht halt viel leichter zur Arbeit, wenn du weißt, dass du den ganzen Tag den Fensterrolladen runterlassen musst.

Wegen der Sonnenblendung.

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