Der Große Zschirnstein

Einen Spiegel erwischt es immer.

Matthias Kehle, ein deutscher Autor, hat mit dem Wohnmobil alle höchsten Erhebungen in allen deutschen Bundesländern bezwungen.

Und dabei nur den Verlust eines  Wohnmobilaußenspiegels beklagt.

So lautet also der Titel seiner neuesten Reisereportage : Womo – einen Spiegel erwischt es immer.

Ich habe früher Asterix gelesen und da ist mir dessen Lieblingssatz in Erinnerung geblieben:

„Die spinnen doch, die Römer“.

Trifft das jetzt auch auf deutsche Schriftsteller zu, die sich hinter ihrem Schreibtisch hervorwagen, um ein echtes Abenteuer zu erleben?

Dieser  Herr Kehle muss also in Sachsen auf dem Fichtelberg gewesen sein, mit 1215 Meter über Normalnull der höchste Berg dieses Bundeslandes.

Ich stell mir mal vor, dass er vom Parkplatz aus die letzten paar Höhenmeter zu Fuß machen musste .

Ein Wohnmobil neben dem Gipfelkreuz wäre sicher ein Selfie wert gewesen, ein Beweis für etwas beinahe Unmögliches.

Dagegen haben meine Liebste und ich nur das Mögliche in Betracht gezogen.

Waren rund 20 Kilometer mit dem Rad an den Fuß des Großen Zschirnsteins gefahren, hatten dort die Drahtesel an einem Baum angebunden und waren zu Fuß, ich lüge nicht, wirklich zu Fuß auf den Großen Zschirnstein gewandert.

Natürlich nicht von seiner Südseite aus.

Eine Steilwand, die erst 1903 zum ersten Mal durchstiegen wurde.

Einem Gustav Kuhfal und einem Oscar Schuster ist das damals gelungen.

Ich stelle mir gerade vor, wie sie sich mit letzter Kraft über die Sandsteinbarriere am heutigen Gipfelpunkt hinwegziehen, kurz ausschnaufen, sich umarmen und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen.

Kamerad, gut gemacht.

Ich weiß nicht, ob die beiden wussten, dass drei Jahre zuvor die Triangulationssäule abhanden gekommen war, eine tonnenschwere Sandsteinsäule, einfach verschwunden, unauffindbar.

So stehen wir heute vor einem Duplikat, im Jahre 2011 an alter Stelle aufgestellt, an die Landesvermessung im Königreich Sachsen erinnernd, die von 1862 bis 1890 erfolgte und in deren Verlauf 36 Punkte errichtet wurden, von denen eine grandiose Weitsicht möglich war.

Wir sehen den Schneeberg im Dunst, er ist etwa 8 Kilometer entfernt und wurde ebenso als Triangulationspunkt mit den damaligen Messinstrumenten angepeilt.

Vielleicht gab es damals auch schon einige Zeitgenossen, die dieses Vorhaben als Spinnerei abtaten, aber es war der Beginn der Erdvermessung.

Geleitet von August Nagel, nach dem diese Säulen alle „Nagelsche Säule“ genannt wurden.

Heute ist ein solcher Kraftakt nicht mehr nötig, eine dreidimensionale Koordinatenbestimmung mittels Satellit eine Angelegenheit von wenigen Minuten.

Da stehen wir nun auf dem Berg, der in Sachsens Rangliste auf dem 85. Platz liegt, der mit dem Wohnmobil garantiert nicht zu erreichen ist, blicken hinüber zum Hohen Schneeberg, sehen die Elbe sich winden und glauben auch Dresden zu sehen, wenden unseren Blick aber wieder dem Lilienstein zu.

Den soll ja schon im Jahre 1708 August der Starke als Erster bestiegen haben.

Er ließ allerdings dazu Stufen in das Gestein schlagen, sozusagen vorbereitende Maßnahmen für seinen Gipfelsturm.

Wir machen ein Selfie.

Ohne Wohnmobil der Beweis von etwas Möglichem.

 

Wir erkunden die Umgebung eines kleinen Steinbruchs, sehen umzählige kreisrunde Felsvertiefungen, die der Volksmund Rabenbad nennt, die eine spezielle Form der Sandsteinverwitterung hier im Elbischen Sandsteingebirge darstellen.

Durch düstere Buchenwälder abwärts finden wir doch tatsächlich unser Fahrräder wieder.

Aber, ich hätte es nicht sofort bemerkt, meine Liebste beklagt einen Verlust.

An ihrem Fahrrad.

Es fehlt der Rückspiegel.

Wir fahren seit Jahren mit einem am Lenker angebrachten Rückspiegel und ihrer ist weg.

Einfach weg.

Wahrscheinlich durch die holprigen Wegstrecken weggerumpelt.

Tja, auch der kleine „Große Tschirnstein“ hat uns einen Spiegel gekostet.

 

________________________________________________________________

Anmerkung:

1. Ich habe Geographie und Geodäsie erfolgreich studiert, das lässt meine Begeisterung für dieses Thema verstehen.

2. Ich habe folgende Bücher gelesen:

Paul Murdin- Die Kartenmacher

Daniel Kehlmann- Die Vermessung der Welt

Ken Alder- Das Maß der Welt

3. Leider haben wir den Rückspiegel nicht mehr gefunden, obwohl wir exakt die gleiche Strecke zurückgefahren sind.

4. Matthias Kehle -Womo, einen Spiegel erwischt es immer. Untypische Reiseerinnerungen-2018 im Gmeiner Verlag

5. Im Zuge der Landvermessung mussten weitere 122 Triangulationspunkte mit Sichtkontakt zueinander bestimmt werden.

6. Als einzige Streckenmessung – mit höchster Präzision ermittelt – genügte eine Basislänge von 9 Kilometer Länge bei Großenhain.

7. Zwei Winkel, eine Strecke – wenn Sie im Mathematikunterricht aufgepasst haben, wissen Sie, dass sich daraus jede Koordinate berechnen lässt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s