Der sardische Bandit

Er wurde der Stumme genannt.

„Lu Mutu“, geboren 1827 in Aggius in der Gallura.

7o Menschen hatte er auf dem Gewissen, ermordet aus Rachegedanken, aus verletztem Ehrgefühl, häufig im Auftrag handelnd, vielleicht auch aus Verbitterung über sein sprach- und gehörloses Leben.

Die Gallura bot nicht nur ihm, auch all den polizeilich gesuchten ehrenwerten Männern phantastische Verstecke, so dass vor allem im Supramonte sich zahllose Verbrecher versteckten.

 

Jedoch auch -zig mögliche Vendetta-Opfer, die gerade noch rechtzeitig erfahren hatten, dass die Blutrache ihren Namen an die Mauern der kleinen Städtchen geschmiert hatte.

In den Sechzigern hatte der Agha Khan der Ismaeliten für geringes Entgelt ganze Küstenstriche den bettelarmen Bauern und Hirten abgekauft, die Costa Smeralda kreiert und den Luxustourismus auf den Weg, vielmehr an den Strand gebracht.

Porto Cervo und Porto Rotundo entstanden.

Bittere Armut im Hinterland.

Und die Reichsten der Reichen durchkreuzten entlang der Nordostküste   mit ihren Luxusjachten das Mittelmeer.

Das musste Begehren wecken.

Wenn früher Ziegendiebstahl und Schmuggel als Nebeneinkunft das Überleben sicherte, konnte nun in Robin Hood Manier Geld durch Entführungen besorgt werden.

Ehrenhaft war daran allerdings nichts mehr.

1967 wurde ein gewisser Grazziano Messina verurteilt.

28 Morde, 20 Mordversuche, 16 Entführungen, 22 Raubüberfälle, 7 getötete Polizisten gingen auf sein Konto.

Gesehen hatte natürlich niemand etwas, gehört schon gleich gar nicht und geredet?

Die Omerta verschloss jedem Mitwisser den Mund.

Nachzulesen lässt sich das im Museo Banditismo in Aggius im Supramonte-Gebirge.

Wesentliche Mitschuld, dass aus einfachen Hirten Banditen wurden, hatte jedoch der italienische König Vittorio Emmanuele I mit einem im Jahre 1823 ergangenen Erlass, der den nomadisch lebenden Hirten die Lebensgrundlage entzog.

Das im Allgemeinsitz befindliche Land sollte laut des „Editto dell Chiudende“ zu Privatbesitz werden und das sollte auf ganz einfache Weise geschehen.

Jeder Landbewohner konnte Grundstücksbesitzer werden, wenn er nur eine Landfläche einzäunte, wenn er Mauern errichtete und so erst ein Grundstück entstand.

Steinmauern waren leicht zu errichten, sogenannte Tancas entstanden.

Was sollte daran so schlecht sein?

Ein Hirte hat kein Interesse an eingezäunten Grundstücken, er will sich mit seinen Herden frei im Land bewegen.

Aber es gab ja im Land die reichen Padrones, die schnell ihre vielen Tagelöhner und angeworbenen Habenichtse als Mauernerrichter in die Gallura schickten und die dort in  Windeseile riesige Ländereien einfriedeten.

Nun musste der einfache Hirte Pacht bezahlen, wenn er seine Tiere auf dem Gelände des neuen Grundbesitzers weiden lassen wollten.

Blutige Rachefeldzüge gegen die Padrones, ein regelrechter Bürgerkrieg zwang die Staatsgewalt das Standrecht zu verhängen.

Über die gesamte Gallura.

Alle Bewohner dieses kargen Landstrichs waren damit von heute auf morgen potentielle Verbrecher.

Die Verfolgten flohen in die unwegsamen Berge, die Dorfgemeinschaften schützten ihre Ehrenmänner mit der „Omerta“, dem Schweigegebot.

Sardinien war zur Insel der Banditen geworden.

Diese eingefriedeten Tancas teilen die Insel in ungezählte Parzellen und prägen bis heute ihr Gesicht.

Wer fragt sich heute beim Anblick der „Tancas“ was wohl der Beweggrund war, an den unwirtlichsten Stellen eine Landfläche mit Mauern einzufrieden?

Wer gibt darauf eine Antwort?

Die Mauern reden nicht.

Sie sind stumm.

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