Um den Schlaf gebracht

Sie rauben mir morgens den Schlaf.

Jeden Morgen.

Werktags. Feiertags.

Da kennen sie keine Gnade.

Rücksichtslose Krachmacher.

 Nicht dass Sie jetzt denken, ich würde mich über das schrille Kreischen einer Straßenbahn, die gerade aus dem Depot herausfährt, aufregen.

Ooder etwa über den Dauerpiepston eines rückwärtsfahrenden Radladers.

Oder gar um das Beladegerumpel eines Müllautos der Städtischen Müllabfuhr.

 Nein.

An diese Geräusche habe ich mich längst gewöhnt.

 

Meine Ohren nehmen dies wohl wahr, aber die Verkabelung zum Gehirn leitet so etwas gar nicht mehr weiter.

Schutz vor Reizüberflutung nennt der Wissenschaftler dieses Phänomen.

 

Als mich heute Morgen diese Typen wieder aus dem Tiefschlaf rissen, habe ich ein wenig die zeitliche Orientierung verloren.

 Ein müder Blick zum Wecker.

Wie jeden Morgen:

Ob 4 Uhr 17 oder wie gestern Morgen 4 Uhr 21, jedenfalls immer kurz nach 4 Uhr.

Nicht dass Sie denken, es ginge mit voller Lautstärke los.

 Nein, nein, viel diffiziler.

Und darauf reagiert der Horchposten in meinem Gehirn.

Meine Liebste sagt oft, dass sie das gar nicht wahrgenommen hätte.

 

Diese Art von Mitleid kann ich auf den Tod nicht ausstehen, geschweige denn ausliegen.

Warum kann sie an meiner Erregung ( nicht das was Sie meinen ) nicht teilhaben, warum nicht ihr Mitgefühl zeigen?

 Ein schlecht ausgeschlafener Ehemann ist tagsüber nicht unbedingt besonders liebevoll.

Aber jetzt bin ich wach.

Hellwach.

Und sie schläft.

Sehr tief.

4 Uhr 24.

Morning has broken.

Cat Stevens „ morning has broken“ geht mir durch den Kopf.

So früh morgens schon schwerste Gedankenarbeit, das wird wahrscheinlich ein erneutes Einschlafen verhindern, zumindest erschweren.

 

 

Wenn dann die richtigen Krawallmacher noch dazukommen, ist es eh vorbei mit der Nachtruhe.

Eine meiner Gehirnwindungen schaltet ohne mein Dazutun um, von amerikanischem Schnulzensong auf europäische Großliteratur.

Ich höre Julia flüstern:

Willst du schon gehen? Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche,
Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang;
Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
Glaub, Lieber, mir: es war die Nachtigall.

Aber dieser Romeo war schon einmal bei einem frühmorgendlichen Spaziergang des Nabu dabei, wo er sehr genau den Worten des Vogelkundlers lauschte und deshalb jetzt sehr bestimmt sagt:

Die Lerche war´s, die Tagverkünderin,
Nicht Philomele; sieh den neid´schen Streif,
Der dort im Ost der Frühe Wolken säumt.
Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt,
Der muntre Tag erklimmt die dunst´gen Höhn;
Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod.

Mein Verstand sagt mir, dass der Kerl keine Ahnung hat, von wegen Lerche.

 Wo gibts die denn noch?

Was ich höre ist einwandfrei der Gesang eines Amselmännchen.

Also hat Cat Stevens doch recht.

Black Bird ist so ziemlich die erste Vogelart, die mit ihrem Morgenkonzert beginnt.

Nach der Vogeluhr muss es jetzt so etwa 60 Minuten vor Sonnenaufgang sein.

Eine halbe Stunde zuvor hat der Hausrotschwanz angefangen, den neuen Tag zu begrüßen, er leitet sozusagen die Frühschicht der Singvögel ein.

 Die Kohlmeise dagegen hats nicht so eilig, sie fängt kurz vor Sonnenaufgang an.

Das ist ja noch eine christliche Zeit.

Aber jetzt ist es das Amselmännchen, das auf sich aufmerksam macht.

Dezent, flötend, in der Melodie variierend, sehr angenehm.

Das raubt mir nicht den Schlaf.

 

Aber ich weiß ja, was ein paar Minuten später kommt.

Ich suche mal, schon vorsorgend, mein zweites Kopfkissen, mit dem ich in wenigen Minuten meine Ohren bedecken werde.

Wahrscheinlich werde ich das Kissen meiner Liebsten auch noch benötigen, wie jeden Morgen wird sie das aber gar nicht bemerken.

Meine Sinne sind gespannt, gleich wird’s losgehen.

Warum müssen die mit ihrem Krach immer – immer – vor meinem Schlafzimmer loslegen?

Gibt es nicht noch schönere Fleckchen in der Umgebung?

Tschilp.

Schon greift meine Hand zum Kopfkissen.

Tschilp, tschilp.

Ja, die Bande ist aufgewacht.

 

Flügelschlagen.

Klar, man muss sich ja den Schlaf aus den Federn schütteln.

 Tschilp,tschilp,tschilp.

Heißt wahrscheinlich: Guten Morgen. Hast du auch so gut geschlafen wie ich?

 Tschilp, Tschilp, Tschilp, Tschilp Tschilp.

Was machen wir heute?

Tschilp!

Kann mal jemand einen vernünftigen Vorschlag machen?

Tschilp.Tschilp!

Nein, ich meine einen richtig vernünftigen.

 Tschilp, Tschilp, Tschilp, Tschilp Tschilp.

Und sowas zählt zur Gruppe der Singvögel!

 Tschilp.

Einfach Tschilp und nicht mehr.

Der Amsel betörender Gesang kann sich nicht gegen diese singlichen Nichtnutze durchsetzen.

Sie verstummt, wahrscheinlich entsetzt ob dieser 12 Ton-Musik.

Obwohl es mindestens 30 Bandenmitglieder sind, die jetzt genau vor meinem Schlafzimmerfenster herumtschilpen.

TschilpTschilp TschilpTschilpTschilp TschilpTschilpTschilpTschilpTschilpTschilpTschilp

 

Ich bring euch um!

Kann ich leider nicht brüllen, denn neben mir schläft ja noch jemand.

Tief und fest. Warum ich nicht?

Das mit dem Umbringen nehme ich zurück.

Der Vogel kann nichts dafür, dass er noch so häufig vorkommt.

 Laut letzter Vogelzählung ist er der Spitzenreiter, ihn gibt es noch massenhaft und ein Teil dieser Masse tobt jetzt vor meinem Fenster.

 Eine Horde Spatzen.

Genauer gesagt eine Bande Krawallmacher.

Rücksichtslose Schlafräuber.

Ich liege inzwischen unter meiner Schlafdecke, beide Ohren mit den kleinen Schnuppelkissen bedeckt haltend, in Embryostellung.

 Dabei wird mir allerdings die Luft knapp, ich forme einen Atmungskanal durch das Federzeug.

 Herrlich, diese frische Morgenluft.

Leider wirkt der Luftkanal wie ein Schalltrichter.

Ich stehe auf, gehe zum geöffneten Fenster und klatsche energisch in die Hände.

Flügelschlagen, Ruhe.

Den Weg zurück ins Bett finde ich ohne Schwierigkeiten, nur mein kleiner Zeh sucht noch schnell eine Abkürzung über einen der kaum sichtbaren Bettpfosten.

Den Wehschrei unterdrücke ich im Hinblick auf meine schlafende Ehehälfte, hätte ich aber nicht müssen, denn auch mein lautestes Aua hätte das schlagartig wieder einsetzende Getöse der tschilpenden Spatzenbande nicht übertönt.

Ich schleiche wehklagenden Zehs hinunter in die Küche und öffne die Haustüre.

Jetzt hilft nur noch eins:

 Unser Kater soll sich mal im Hof zeigen, vielleicht ist dann Ruhe.

Der Kerl liegt natürlich im Tiefschlaf in seinem Körbchen und ist bass erstaunt, als ich ihn ungefragt vor die Tür setze.

Was soll ich da, scheint sein Blick zu sagen.

Mäuse fange ich schon lange nicht mehr und die Vögel heutzutage haben auch keinen Respekt mehr vor scharfen Krallen.

Ehemals scharfen Krallen.

 

Ich beobachte die Vogelschar, die jetzt einen Kundschafter aussendet, der mal nach dem Rechten, ich meine nach unserem Kater, schaut.

 Dreimal von der Dachrinne aus scharf in die Tiefe geäugt und den Kumpels gemeldet, dass von diesem Sohlenschleicher keine Gefahr mehr ausgeht.

Ich bin Mitglied im Komitee gegen Vogelmord e.V., werde aber morgen meine Mitgliedschaft kündigen, irgendwie verträgt sich diese Mitgliedschaft nicht mehr mit meinen Alpträumen.

In jüngeren Jahren haben mich Hitchcocks Vögel verfolgt, jetzt lauert in der Realität eine Horde wildgewordener Spatzen auf mein Erscheinen.

Nein, den Gefallen tu ich denen nicht.

Ich lege mich wieder ins Bett, mache zuvor das Fenster zu, verzichte also auf die gesunde Frühlingsluft und lasse auch noch den Rollladen herunter.

 Natürlich mit Gedöns, was meine Liebste zu der vorwurfsvollen Frage verleitet, warum ich denn nicht schlafe, es sei doch noch mitten in der Nacht.

Schlafentzug ist eine brutale Art der Folter könnte ich ihr jetzt erklären, komme aber gegen ihr Schnarchen nicht an.

Es soll ja Menschen geben, die beim allergrößten Lärm tief und fest schlafen können.

Dazu zähle ich nicht.

Aber ich werde mir morgen in der Buchhandlung das Buch von Prof. Wiseman kaufen.

Und noch ein anderes, das auch irgendetwas mit Schlaf zu tun hat, dessen genauer Titel mir aber nicht einfällt.

 

1 2 3 4 5 6 7 8 9 ………123 124 125 126 …..678 679 680 …..

Ich fange an Schäfchen oder schlafende Hunde zu zählen und scheine auch nach einer gewissen Zeit eingenickt zu sein.

 

In der REM-Phase träume ich natürlich.

Als ich von einem neuen unerklärlichen Geräusch aufschrecke, ein Kratzen auf Aluminium, kann ich mich gottseidank noch daran erinnern, was mein Gemüt nun alptraumhaft belastet.

Unser Flamingo war ausgebüxt und ich hatte den Auftrag, ihn wieder herbeizuschaffen.

Leider hatte sich das rosarote Früchtchen im Getümmel von Tausenden rosaroten Flamingos versteckt.

Ich suchte und suchte und suchte.

Glaubt mir, das ist ein Scheißgefühl, wenn du in einer Wolke rosaroter Flamingos einen einzelnen identifizieren sollst.

Unseren Flamingo.

Einen Flamingo, den wir noch nie hatten.

Ich führe diese Art von Alpträume auf das verdunkelte Zimmer zurück.

Warum lässt man bei Kleinkindern immer ein kleines Lichtlein brennen?

Um genau dies zu verhindern.

 Also Fensterrollladen hoch.

Kein Tschilp mehr, dafür jetzt ein beruhigendes Ruggedigu.

Ruggedigu.Ruggedigu.Ruggedigu.Ruggedigu.

Ruggedigu.Ruggedigu.Ruggedigu.Ruggedigu.

Ein Türkentaubenpärchen versucht sich auf der Aluminiumfensterbank des Nachbarhauses zu paaren.

Auf Grund des rutschigen Untergrunds ist das aber kaum möglich.

 Ruggedigu, man kanns ja mal versuchen.

Ruggedigu, Blut ist im Schuh.

Ich schaue nach meinem schwer angeschlagenen, nun tief dunkelblau gewordenen kleinen Zeh.

Nein, kein Blut im Schuh.

Ruggedigu.Ruggedigu.Ruggedigu.Ruggedigu.Ruggedigu.

Ich imitiere das Zischen einer Giftschlange, schon sind sie weg.

Ja, ich wollte beim Liebesspiel auch nicht beobachtet werden.

Wann bin ich eigentlich gestern Nacht ins Bett?

Fernsehen bis halb eins, dann noch den Kühlschrank geplündert.

Also von eins bis 4.24 Uhr habe ich fest geschlafen.

Laut Adam Riese  drei Stunden und 24 Minuten.

Also Spatzen, ich bin euch richtig dankbar!

Was hatte doch Napoleon zum Besten gegeben:

„Vier Stunden schläft der Mann, fünf die Frau, sechs ein Idiot!“

Habt Dank, Ihr Spatzen, habt Dank.

Dank Euch wird aus mir kein Volldepp.

 


Literatur sehr empfehlenswert:

1.Prof. Wiseman -Superschlaf -So werden aus schlechten Schläfer gute Schläfer

2. Zsusa Bank – Schlafen werden wir später – z.Zt. auf der Bestsellerliste

Bei Amazon habe ich noch folgenden Artikel empfohlen bekommen:

3.Schlafmaske – geformte und bequeme Augenmaske und Ohrstöpsel Set inklusive Tragebeutel – super zum Verreisen, für Schichtarbeiter und zur Meditation

Übrigens: Der fotographierte Vogel im Beitrag ist ein Rotkehlchen, keine Lerche und auch keine Nachtigall.

Wie Spatzen aussehen, werden Sie ja wohl wissen, oder?

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