Weihnachten im Kühlschrank

Mein ganzes Leben lang hab ich irgendwas gsammelt.

Früher warens Informationen.

In Form von Büchern vor allem.

Daher weiß ich, dass der Casanova, also der richtige, von Beruf Bibliothekar war, ich schwärm von der Heisenbergschen Unschärferelation und wers wisse will, dem erklär ich gschwind die Einsteinsche Relativitätstheorie.
Des alles hab i in meinem Kopf, ich hab da so a Schublad, wo noch viel Platz frei ist.

Zur Zeit interessier ich mich für die Geschichte des Senfs.

Ich will aber jetzt nicht behaupten, dass ich zu Allem meinen Senf dazu geben könnt.
Jetzt, im fortgeschrittenen Lebensalter, sammel ich aber mehr für die richtige Schubladen, für die reellen, nicht für die virtuellen.

Ich sammel eigentlich alles.

Man könnts ja mal brauche.

Mei Frau denkt net nur, noi sie sagts au jedem, ders gar net wisse will, i sei an Gruschtguschtl.

Gruschtguschtl!!

Im Dude findesch des Wort net.

Aber wenns mei Frau ausspricht, weisch sofort, was das bedeutet.
Jetzt habe  mir zu Weihnachte einen Brief bekommen, von guten Freunden aus Amerika, wenn da die innenliegende Karte aufgmacht hasch, isch a Lämple aufgleuchtet, also so ein kleiner Christmastree und a Chip hat gschbielt : „Stille Nacht, Heilige Nacht.“
Ich hab gleich guggt, wie sowas funktioniert.

Lichtsensor.

Du klappsch des Kärtle auf- sfällt Licht drauf, scho geht des Lämple a und die Wiener Sängerknaben singen: Stille Nacht…

Also meiner Frau hats net gfalle.

So einen elektronischen Sche… hat se gsagt.

Schmeiß bloß den amerikanischen Schrott weg.
Sowas kann mr doch net wegschmeiße!

Sowas stammt aus dem Silikonvalley.

Irgendwann lässt sich sowas vielleicht zu viel Geld mache.

Als zukunftsweisende Erfindung.

Auf jeden Fall muss sowas in eine meiner Schublade.

Vielleicht braucht mers amol.
Jetzt muss ich einen Erzählsprung mache.

Die Gschicht soll doch Hand und Fuß haben.

Manchmal muss ich mir die Butter selbst aus dem Kühlschrank hole.

Ich bin in Rente aber mei Frau arbeitet noch und solche Tage gibt’s dann halt, wo ich ganz allein auf mich gstellt bin.

Und wenn ich dann die Kühlsschranktür aufmach, dann seh ich tausend gute Dinge, sie moints halt gut mit mir, nur die Butterdose, die seh ich nie.

Wo steht die jetzt bloß wieder?

Obe – noi – unten – noi – rechts – -a net- -links?

Herrgottnochmal!
Wenn mei Frau jetzt da wär – ein kurzer Blick, ein demonstrativer Griff und ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen.

Da hasch die Butter.
Das gfällt mir an ihr.

Nur die hochgezogenen Augenbrauen trüben meine Lust aufs Butterbrot.

Eigentlich, während ich mir des Butterbrot schmier, müsst ich ihr jetzt was von der Steinzeit erzähle.

Jetzt kann ich was aus meiner Gehirnschublade herauskrame.
Früher – als wir Männer noch auf die Jagd gange sind, da musste wir unsere Frauen allein in der Höhle zurücklasse.

Ich wär also aufd Jagd gegange und Sie?

Sie hätt die Kinder versorgt und auf mich gewartet.

Zwischendurch hätt sie ein paar Beeren gsammelt, hätt guggt, dass des Feuer net ausgeht, hätt d Kinder Wasser hole gschickt, hätt a bissle die Felle ausgeschüttelt.

Also, ganz viel hätt sie gmacht.

Und alles im Blick ghabt.

S‘ Feuer, d‘ Kinder, die Haustiere, usw.

Damals hat mer nix aus de Auge glasse.
Und ich?

Ich wär hinner einem Busch ghockt – noi, net des was sie jetzt moine, ich hätt mich hinter einem Busch versteckt und hätt mein Jagdziel nimmer aus den Auge glasse.

Den Mammut anvisiert.

Scharfer Blick über Stunden und Tage.

Entfernungsabschätzung.

Fixierung des Ziels.

Nur exaktes Zielen bringt uns was zum Essen.

Bei sonem Mammut kannsch net überall hinzielen.

Punktgenau muss der erschte Speerstoß sitze.

Sonst war des dein letzter.
Da kann man mit dem Aug net noch gugge, was links und rechts, über dir oder unner dir abgeht.

Du siehsch nur dein Ziel.
Und jetzt steh ich vor dem Kühlschrank – meinem Mammutersatz – und soll die Butter finde!

Wo?

Obe?

Unte?

Rechts?

Links?

Hinte?

Vorn?
So a Glotzerei sind wir Männer doch gar net gwöhnt.
Da, wo i grad na gugg, steht der Joghurt.

Morge, wenn ich an dieselbe Stelle gugg, liegt dort der Leberkäs.
Sowas stört die Koordination zwischen meinen Augen und meinem Gehirn.
Der zielgerichtete Blick ist seit Jahrtausenden bei uns Männer genetisch verankert.

Wenn sich etwas nicht bewegt, sehen wir das auch nicht.
Ein Maurer auf einem Baugerüst erspäht die Beute nur, wenn sie sich bewegt.

Früher haben die Kerls sich dann noch getraut, der Blondine, wenn sie vorbei ging, nachzupfeifen.

Sozusage akustische Pfeile habe die abgeschosse.
Aber man kann ja froh sein, dass wir nimmer in der Steinzeit leben – wir lebe im Zeitalter der Elektronik.

Und in der Scheune steht mein Schrank.

Der mit dene Schublade.
Ich, ein Mann der Tat– hinter in mei Scheun – ein kurzer Blick, ein Griff und schon hab ich des elektronische Weihnachtskärtle ghabt.

Des do aus dem Silikonvalley.

Schere in die Hand und in nullkommanix die Elektronik, den Chip, rausgschnitte.
Vor in die Küche.

Butterdose gesucht.

Lange.

Sehr lange!

Aber gfunde.

Und jetzt?
Ja, ihr wissts.

Mit der Klebepistole auf den Butterdosendeckel den Chip geklebt.

Zurück mit der Butterdos in den Kühlschrank.
Testphase 1: Kühlschrank auf – rechts unten blinkts – Musik ertönt „Stille Nacht..
Testphase 2: Kühlschrank auf – -oben links blinkts – Musik ertönt „Stille Nacht…
Da soll einer sagen, wir Männer hätten seit der Steinzeit nix dazugelernt.
Bei uns isch jetzt mindestens 5 mal am Tag Weihnachten.

Weihnachten im Kühlschrank.

Nur im Sommer wird sich des a bissle blöd anhöre.

Und ganz blöd isch, dass ich in letzter Zeit nachts – mitten im Schlaf – so ein fürchterliches Hungergefühl krieg.

Dann ischs aus mit dem Schnarchen.

Mei Frau meint, ich soll mich zammenreiße, ich wär schon dick gnug.

Aber ich brauch dann einfach a Butterbrot.

Mein Gehirn beschäftigt sich mit nix anderem mehr.

Ganz leise, sie hat an ziemlich leichten Schlaf, ganz still schleich ich dann aus dem Bett und runter in die Küche  – mach net amol Licht an, ganz still bin i, schleich an den Kühlschrank ran und mach ihn auf….von wegen stille Nacht…!!!.
„ Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht……“ hallt es durchs ganze Haus.

Verflixt , warum hat des Ding koin Aus-Knopf.?!!

Seit mr net bös.

Aber zu dem Gschichtle hab e in meim Fotoarchiv koi oinziges Bild gfunde, des gebasst hätt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s