Weihnachten: Ein Koffer unter dem Bett.

Marcel Proust, der große Schriftsteller, wusste es schon lange:

„Der Geschmack der Kindheit kann Zeitreisen auslösen“.

Aber so einfach ist das nicht.

Bei mir zumindest.

Ich versuche mich seit einigen Tagen, ausgelöst durch das eigene Backen, an die mütterliche Weihnachtsbäckerei zu erinnern.

Nichts.

Im Gehirn keine einzige graue Zelle vorhanden, die sich daran erinnern könnte.

In der letzten Nacht, ich gab mir den Befehl noch kurz vor dem Einschlafen, wollte ich in einer Art Trance vielleicht doch an diese Kindheitserinnerung kommen, aber am nächsten Morgen, wieder nichts.

Ich rief meine Schwester an, die im Hinblick auf unsere Familienchronik Wikipediafunktion übernommen hat, in der Hoffnung, meine Erinnerung durch ihre Erzählung anschieben zu können.

Ein kleiner Stoß würde genügen.

Aber auch meine Schwester konnte sich an nichts erinnern.

Nein, ihr falle dazu nichts ein.

Also meinen Bruder angerufen, ihm die Erinnerungsnotlage geschildert.

Nein, er könne sich an nichts erinnern.

Gibts doch nicht.

Da wir vier Kinder sind habe ich noch meine zweite Schwester angerufen, die über diese Frage ebenfalls ins Staunen kam.

Auch sie keine Erinnerung.

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Aber es gab doch jede Weihnacht Brödle!

Jede Menge Brödle!!!

Wann wurden die gemacht?

Kein Mayerle-Kind konnte sich daran erinnern, dass es  zusammen mit unserer Mutter Brödle gebacken hätte.

Wir müssen also davon ausgehen, dass unsere Mutter sie ganz alleine und heimlich gebacken hatte.

Das war aber nur in dunkler Nacht möglich, als wir vier in tiefem Schlaf lagen.

Unser Vater konnte ihr auch nicht geholfen haben, denn er war die Werktage auf Montage.

Nachts müssen dann die Düfte der frisch gebackenen Vanillekipferl, der Zimtsterne und der Essle zu riechen gewesen sein, aber deswegen ist keines von uns Kindern aufgewacht.

Wollte sich unsere Mutter das Lob für gelungene, wohlschmeckende Brödle allein einheimsen?

Vielleicht hatte sie auch Angst, dass ihre Brödle schneller gegessen als gebacken wären, wären wir vier Kinder bei der Weihnachtsbäckerei zugegen gewesen.

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Vielleicht waren die Brödle aber auch eine Art Geschenk gewesen, denn jedes Kind hatte an Heilig Abend eine kleine Tüte bei seinen anderen „Gschenkle“ vorgefunden.

Ja, das wars sicher.

Sie sollten ein Geschenk sein und das sah man zu der damaligen Zeit erst in der Heiligen Nacht.

Wir sahen wohl manchmal auf dem Küchenschrank, auf dem Schlafzimmerschrank oder irgendeinem anderen hohen Bauwerk Backbleche stehen, aber was da drauf lag, war unseren Blicken entzogen.

Ich hörte wohl manchmal im Gespräch meiner Mutter mit unserer Oma, dass sie ganz schöne Füßchen bekommen hätten, aber ich konnte mir doch als Kind keinen Reim darauf machen, wer hier über Nacht Füße bekommen hatte.

Dass ich tagsüber kalte Füße bekommen würde, das war mir jeden Morgen klar, wenn ich in die, noch vom Vortage, feuchten Stiefel gestiegen bin.

Dann aber kam irgendwann der Tag, wo ich auf den Schlafzimmerschrank klettern und ihr den graubraunkarierten Reisekoffer herabreichen sollte.

Nach einigen Jahren hatte ich schon die Erfahrung gemacht, dass meine Mutter keineswegs verreisen wollte, dass dieser Koffer vielmehr einige Wochen, genauer gesagt bis zu den Heiligen Drei Königen, unter ihrem Bett gelagert werden würde und nur sie –  nur sie –  die Herrschaft über das Schlößchen am Koffer ausüben würde.

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Zwischen Weihnacht und jenem besagten Ende der Weihnachtszeit futterten wir die uns zugeteilten riesigen Rosinenbrötchen und die noch etwas feuchten Haselnussmakronen.

Nur Springerle waren für uns tabu, die waren ausschließlich für unseren Vater gebacken, der sie am liebsten zu einem Schluck Bier verzehrte.

Je weiter sich Weihnachten entfernte, umso häufiger fanden wir die ungeliebteren Brödle auf dem Teller.

Ausstecherle und Essle schmeckten plötzlich eigentlich auch ganz gut und rangen uns ein genießerisches Mmmmh ab.

Ansonsten hielten wir uns aber mit Lob sehr zurück, ich glaube für unsere Mutter war der leergefutterte Brödlesteller Lob genug.

Und dann kam der Tag, an dem unsere Mutter den Reisekoffer wieder an seinen alten Platz stellen wollte.

Mit Teller und Löffel bewaffnet gings ins Schlafzimmer, der Koffer wurde hervorgezerrt und aufs Bett gestellt und wir durften ihn öffnen.

Krümel über Krümel, manchmal ein zerbrochenes Hildabrötchen dazwischen.

In den Krümeln vereinte sich der Geschmack von Kokos mit dem der Vanille, Zimt mit Orangeat, Rum mit Kaffeegeschmack, Schokolade mit Zitrone.

Grundformen wie Kringel, Taler, Hörnchen oder Kugel waren nicht mehr zu erkennen, größere Teile wurden von uns absichtlich zu Krümel zerrieben.

Eine Geschmacksorgie legte sich auf unsere Zungen, so schmeckte Weihnacht kurz nach den Heiligen Drei Königen.

Wir löffelten den Koffer leer.

Eine wahrhaft demokratische Krümelschlacht.

Das einfache Volk der Ausstecherle und Lebkuchen hatte sich mit den Eliten der Makronen und Florentiner sozusagen vereint.

Die „Einen“ selten und mühsam herzustellen, die „Anderen“ in Serie zu fertigen und im Überfluss vorhanden, gehörten nun zum Bodensatz unseres Reisekoffers.

Ein Fest, auf dem sich zu den Schönen die stummen Zaungäste gesellt hatten, die mit ihrer Langeweile auf dem Plätzchenteller den Glanz der anderen wirken ließen.

Als Krümel waren sie alle gleich.

Eigentlich ist das gar kein demokratischer, sondern ein höchst sozialistischer Gedanke.

Aber darüber machten wir Kinder uns keine Gedanken.

Für diesen Kofferinhalt musste man schlicht über eine Nachkriegsrohheit verfügen, ihn gedankenlos wegzufuttern.

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