Weihnachten in Deutschland: Das Leben ist kein Zuckerschlecken

Ein vorweihnachtlicher Back-Essay.

Weshalb der Zimtstern so benannt ist, kann selbst  ein Blinder feststellen.

Aber der Versuch das“ Husarenkrapferl“ unserem Besuch aus Mexiko rein sprachlich zu erklären, scheiterte trotz Wörterbuchverwendung.

Wieso Husarenkrapferl?

Mann/Frau müsste eigentlich Linguistik studiert haben, um die sprachliche Vielfalt der Weihnachtsbäckerei zu ergründen.

Springerle?

Also mir völlig unbegreiflich, wie man zu dieser Namensgebung kommen konnte.

Ja, Kracherle wäre der lautmalerische Versuch, den Verzehr dieses Zähnekillers zu beschreiben und um auf die damit verbundenen Gefahren für unsere Beißerchen hinzuweisen.

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Eine Makrone – nicht zu verwechseln mit einer Matrone oder gar einer Makrele – lässt sich einem Zugewanderten kaum erklären, ohne ihm nicht das Rezept und die Rezeption in die Hand zu drücken.

Am leichtesten sprachlich enttarnen lassen sich die Plätzchen, die sich mit dem Vorsatz “ Mozart “ schmücken.

Mozart bedeutet immer <Nougat>, mehr oder weniger.

Aber warum gibt es keine Beethoven-Kringel, warum keine Wagner-Taler?

Wäre nicht ein Haydn-Ausstecherle ein Heid’nspaß?

Ein geniales Wortspiel, das zudem auf der Zunge unter den Akkorden der kleinen Nachtmusik dahinschmelzen würde.

Meine Recherche im Internet unter Einsatz sämtlicher Suchmaschinen hat keinen Treffer angezeigt, als ich versuchte, weitere Namen von Musikern zu finden, die sich im Bereich der Confisserie verdient gemacht hätten.

Das zeigt Mozarts außergewöhnliche Stellung nicht nur in der Musik.

Aber Google spuckte die Namen von Tausenden aktenkundlicher Plätzchen mit exotischen Namen, mit Aromen, die wir uns an einem heißen Sommertag niemals vorstellen könnten, mit Zusätzen und Füllungen, die jedem Zahnarzt die Haare zu Berge stehen lassen müssten.

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Jede Familie hat ihre eigenen Vorstellungen, was beim Plätzchenbacken als unanständig gelten muss. Ein Vanillehörnchen mit Zitronat und Zuckergußglasur ist in unseren Augen geschmacklich so unanständig, dass wir das auch noch nie versucht haben.

Rosinen werden bei uns selten in den Plätzchenteig gemischt, nicht dass wir Rosinen nicht mögen würden, nicht dass unsere Küchenmaschine daran Schaden nehmen würde.

Nein, bei den Rosinen ist es ihre Größe, die uns davon abhält.

In einem Guglhupf, heutzutage besser bekannt unter dem Namen „Panettone“, sind sie für uns unabdingbar, aber in unseren Plätzchen werden Sie Rosinen nicht finden.

Sie passen einfach nicht zur Größe unserer Plätzchen.

Unsere Plätzchen sind keine Kuchen, zu unseren Plätzchen gehört die Pedanterie.

Alles was größer als ein Fünf-Mark-Stück ist, zählt in unseren Augen nicht mehr zu den Plätzchen.

Zumal wir unser Weihnachtsgebäck zusammenfassend noch nie als Plätzchen bezeichnet haben.

Bei uns sind das „Brödle“.

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Die schwäbische Verkleinerungsform verbindet sich nicht nur mit unserem Familiennamen, sondern auch mit der Größe unserer Hildabrödle, unserer Nougatbrödle, unserer Haselnussbrödle.

Eigentlich sind unsere Brödle Charakterplätzchen.

Klein, wohl geformt, dezent in der Verwendung von Gewürzen und Aromen, nicht folgenlos auf der Zunge zergehend.

Eins wie’s andere.

Kein formaler Ausreißer, kein Undisziplinierter.

Nicht, dass es solche nicht gegeben hätte, aber die wurden als „Missglückte“ bereits bei der Produktion aussortiert, das heißt vertilgt.

Als Testexemplar zergingen sie auf der Zunge, wurden wohl geschmacklich für hervorragend empfunden, aber leider formal-ästhetisch für nicht gut genug befunden.

Man sollte sich darüber nicht aufregen, aber wir hätten sie niemals auf unserem Bunten Teller einer Diskriminierung ausgesetzt.

Dieses bittere Schicksal haben wir ihnen erspart.

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Eigentlich waren es ja auch nur die von mir geformten oder bestrichenen Brödle, die zum Verlierer-Exemplar mutierten.

Vier Backbleche voll mit Zimtsternen sollte ich mit einer Ei-Schnee-Puder-Zucker-Masse und einem viel zu kleinen Fettpinsel einstreichen, formgenau.

Es gelang mir mangels motorischer Unsicherheit einfach nicht perfekt genug.

Nach der christlichen Vermutung “ Die Letzten werden die Ersten sein“ musste ich auf eigenes Anraten sie schnellstmöglich ihrer eigentlichen Bestimmung zuführen.

Die beobachtenden Blicke meiner Ehefrau ließen mich wohl erkennen, dass die Zeit meines Backeinsatzes noch kommen würde, schließlich waren Elisenlebkuchen für die nächsten Backtage geplant.

Jjetzt allerdings musste ich mich zum Fernsehsessel hinwenden, eine Verbannung aus der Küche wäre eine zu harte Formulierung gewesen.

Mittels verschiedener rhetorischer Ansätze versuchte ich meine Ehefrau und Backgenossin davon zu überzeugen, dass gerade ein missglücktes Brödle auf den Bunten Teller gehören würde.

Ein Fest, bei dem nur die Schönen und Sprühenden auftreten, ist unerträglich, man braucht auch die von der Natur Benachteiligten und vor allem die stummen Zaungäste und Bewunderer.

Aber von diesem Argument, dass erst durch meine „trostlosen Plätzchen“ ihre Gelungenen, ihre Seltenen und ihre Mühsamhergestellten glänzen würden, konnte ich sie nicht überzeugen.

Ich dürfte, das wollte sie mir zugestehen, die Mandeln auf die Lebkuchen drücken, sie würde mir die Stelle dezent markieren.

Einige Tage später hatten wir unser Adventsfest mit Freunden gefeiert.

Unsere Brödle wurden bewundert und vor allem die Elisenlebkuchen.

Noch nie hatten unsere Freunde solch wohlgeformte Elisenlebkuchen gesehen, die so fantastisch schmecken würden.

  Unsere Elisenlebkuchen waren groß genug, um zumindest von dieser einen Brödlesorte sagen zu können, sie seien von mir handgemacht.

Zum Beweis wollte ich meine Hände vorweisen, um diesen unglaublichen Akt der Brödles-Schöpfung glaubhaft zu machen.

Ich war mir sicher, niemand würde meine Brödle zu Randgruppenplätzchen diskreditieren, niemand würde behaupten, wie leicht sie doch zu fertigen gewesen seien, dass man dieses Rezept doch in jedem Backbuch finden könnte.

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Wann und wie Lissy, so heißt meine Frau, die denn gemacht hätte?

Die Mandeln seien so akkurat aufgelegt, wie man es bei keinem gekauften Elisenlebkuchen je gesehen hätte.

Gut, eine kleine Korrektur wäre vielleicht………..

Darauf wollte ich keine Antwort geben und widmete mich dehalb dem Glühwein.

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